Wien: Was für eine Stadt!

Heurige und Hip-Hop, Sisi und Schönberg, Kaiserschmarrn und Fusionküche – wer Wien besucht, unternimmt zwei Zeitreisen. Die eine führt in die glanzvolle Vergangenheit einer altehrwürdigen Habsburgerstadt, deren imperiale Pracht entlang der Ringstraße, in Schloss Schönbrunn und rund um den Stephansdom garantiert jeden betört. Die andere katapultiert Sie in eine multikulturelle Weltstadt von heute, mitten ins Herz des erweiterten Mitteleuropas. In dieser Melange aus Walzerseligkeit und Zukunftsglaube, aus barockem und postmodernem Lebensgefühl können Sie sich zugleich angeregt und entspannt fühlen.

„Wien ist anders“. Mit diesem Slogan warb Österreichs Bundeshauptstadt im In- und Ausland lange Zeit um Gäste – und hinterließ in den Köpfen mitunter wohl nur ein großes Fragezeichen. Dennoch erweist sich die rätselhafte These bis heute als seltsam zutreffend, in mehrfacher Hinsicht.

Wien ist tatsächlich anders als noch Anfang der 1970er-Jahre. Damals glich die Stadt einer gealterten Diva, war ein reichlich morbider Ort mit grauen, bröckelnden Fassaden, mürrischen Pensionisten und am Abend totenstillen Straßen. Heute hingegen empfängt die ehemalige Kaiserstadt ihre Gäste herausgeputzt und überaus munter. Ob auf dem Heldenplatz vor der imperialen Kulisse der Hofburg, ob in den wieder belebten Biedermeiervierteln der ehemaligen Vorstädte, ob in den großen Einkaufsstraßen oder in den neuen Ökosiedlungen an der Peripherie: Wien verströmt Optimismus, Wohlstand, Lebenslust. Die Verwandlung setzte Mitte der 1970er-Jahre ein. Stadtbild und Infrastruktur wurden runderneuert. So erhielt Wien 1978 endlich eine erste U-Bahn-Linie. Ein beträchtlicher Teil der überwiegend desolaten Bausubstanz aus früheren Jahrhunderten wurde instand gesetzt, kunsthistorisch bedeutsame Bauten wie die Hofburg, die Karlskirche und das Belvedere, doch auch kleinere Kirchen und Stadtpalais erstrahlten in neuem Glanz, und sogar die zeitgenössische Architektur konnte sich in einigen Renommierprojekten manifestieren, am spektakulärsten wohl im Haas-Haus am Stephansplatz. 1979 wurde auch die Uno-City eröffnet – seither ist Wien nach New York und Genf der dritte Uno-Sitz.

Auch sonst kam im Lauf der 1970er kulturell manches in Bewegung: Es etablierte sich eine großzügig subventionierte Alternativkultur, die von zahllosen Klein- und Mittelbühnen aus die alteingesessene Hochkultur in ihrer Saturiertheit gehörig infrage stellte. Parallel dazu entstand eine quicklebendige Bar- und Beislszene. Einen entscheidenden Impuls zur Belebung erhielt Wien 1989 durch das Verschwinden des Eisernen Vorhangs. Mit einem Mal lag die einstige Kaiserstadt nicht mehr am äußersten Rand der westlichen Welt, sondern fungierte, wie schon zu Zeiten der Monarchie, als kulturelle, politische und wirtschaftliche Drehscheibe zwischen Ost und West. Die Einwohnerzahl wuchs durch Zuwanderung aus dem Osten auf über 1,6 Mio. an. Den bislang letzten Modernisierungsschub bekam die Stadt, die seit Urzeiten sozialdemokratisch regiert wird, 1995 durch Österreichs EU-Beitritt.

Die Andersartigkeit Wiens offenbart sich aber auch im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten. Da ist zum Beispiel das besondere Lebensgefühl, dessen sich die Wiener gerne rühmen. Ihre Gemütlichkeit und ihr sprichwörtlicher Schmäh, also die Fähigkeit, selbst traurigen Situationen mit Humor und Sprachwitz zu begegnen, mögen Klischees sein; doch mischen Sie sich bloß einmal beim Heurigen unter die weinseligen, vor sich hin räsonierenden Einheimischen oder beobachten in einem der ehrwürdigen Cafés die Stammgäste, wie sie bei einer Schale Melange plauschend oder Zeitung lesend alle Hast abstreifen, und Sie werden erkennen, wie gültig diese Vorstellungen immer noch sind.

Wiens so werbewirksam beschworene Andersartigkeit zeigt sich freilich auch in Luft und Wasser, Wäldern und an Stränden. Die Stadt bietet nämlich eine musterhafte Lebensqualität. Wien erweist sich als erstaunlich staub- und smogfrei. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistet die üppige Vegetation: Prater, Lobau, Laaer Berg, Schönbrunn, der Lainzer Tiergarten, die ausgedehnten Wälder zwischen Wiental und Leopoldsberg im Nordwesten und die zahlreichen innerstädtischen Parks machen fast 50 Prozent des 415 km² großen Stadtgebiets aus. Als weiterer Sauerstoffspender und Schmutzfilter fungieren Teile des viel besungenen und oft gemalten Wienerwalds, der, an manchen Stellen über 40 km breit, Wien im Westen halbkreisförmig umfasst.

Besonders schön und stadtnah ist die Neue Donau, ein einzigartiges Erholungsparadies, an dessen kilometerlangen Stränden an heißen Tagen und in Sommernächten ein Trubel wie in Rimini herrscht. Ein weiteres Plus von Wien ist das hohe Maß öffentlicher Sicherheit. Auf ihren Straßen kann man sich selbst zu spätnächtlicher Stunde gefahrlos bewegen.

In gewissem Sinn entspricht Wiens malerische Lage der historischen Rolle, die es in seiner über zweitausendjährigen Geschichte spielte. Zwischen den östlichen Ausläufern der Alpen und dem westlichen Rand des Karpatenbogens in ein Becken geschmiegt, das in sanften Terrassen zur Donau hin abfällt, wurde es ebenso Grenzbastion gegen – vornehmlich aus dem Osten – einfallende Völker wie ein Ort der Begegnung.

Zur Römerzeit lag hier ein wichtiges Heerlager, Vindobona, das den Donaulimes, die Reichsgrenze zu Germanien, sichern half. Im Hochmittelalter hatten die Babenberger hier gut ein Jahrhundert lang ihre Residenz. Während der folgenden fast 650 Jahre herrschten die Habsburger von Wien aus über ihr riesiges Reich. Zweimal, 1529 und 1683, bestürmten die Türken die Stadt, beide Male vergeblich. Im Gegenzug stieg Österreich zur Großmacht auf.

Wien, das östliche Bollwerk der Christenheit, dessen Vorstädte und Vororte speziell unter der zweiten Belagerung arg gelitten hatten, wurde unter Kaiser Leopold I. und Karl VI. wieder auf- und ausgebaut zu einer glanzvollen Barockmetropole mit prächtigen Kirchen, Palästen und Regierungsgebäuden. Von seinem Korsett aus Bastionen und Befestigungswällen befreite es 1857 Kaiser Franz Joseph I. Er ließ auf dem frei gewordenen Areal den Prachtboulevard der Ringstraße anlegen. In der zweiten Hälfte des 19. Jhs., der Ära massiver Industrialisierung, wuchs sich die Kaiserstadt zu einer modernen Metropole aus – einer der damals weltweit größten. Die Einwohnerzahl erreichte 1910 mit über 2 Mio. ihren Höchststand.

Bereits im Laufe des 19. Jhs. hatten sich in der Donaumetropole die Kulturen Zentral- und Osteuropas vermengt. Das Ergebnis war jene dichte, schöpferische Atmosphäre, die als „Wiener Fin de Siècle“ in die Geistesgeschichte einging. Damals waren die großen Kaffeehäuser Kristallisationspunkte der europäischen Intelligenz. Dichtergrößen wie Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Josef Roth verfeinerten dort ihren Sprachsinn; Egon Erwin Kisch und Karl Kraus kreuzten die Federn, Bertolt Brecht und Leo Trotzki spielten Schach, und selbst Sigmund Freud kam regelmäßig, um beim Kaffee seine Theorien durch Beobachtung am lebenden Objekt zu überprüfen. Einen Rest jener inspirierenden Atmosphäre kann man im Griensteidl, im Bräunerhof, im Central und anderen Orten der Wiener Kaffeehaustradition auch heute noch nachempfinden.

Tatsächlich ist die geistige und künstlerische Kreativität der Stadt nach wie vor beachtlich. Die rund 9,4 Mio. Gäste, die alljährlich herbeiströmen, kommen ja zu einem gut Teil wegen der reichen Kulturtradition – um im Musikvereinssaal oder in der Oper, wo ein Richard Strauss, ein Gustav Mahler und ein Herbert von Karajan dirigierten, den samtenen Klängen der Philharmoniker zu lauschen, um zu den Beethoven- und Schubert-, den Haydn- und Lehár-Gedenkstätten zu pilgern oder um in den Stadtpark zu gehen, wo Johann Strauß junior, in Stein verewigt und mit Blattgold belegt, zum Walzer aufgeigt.

Doch die Musik ist nur eine Seite Wiens. Schlendern Sie auch über die Ringstraße, den Heldenplatz und durch die mittelalterlichen Gässchen; besuchen Sie die gotischen und barocken Kirchen, die altehrwürdigen Theater, die grandiosen Kunstmuseen und die glanzvollen Paläste wie das Belvedere und Schloss Schönbrunn. Und verkosten Sie abends in Grinzing beim Heurigen den frischen Wein. Oder Sie stürzen sich in das turbulente Treiben der Innenstadtszene und am Gürtel und machen in den Diskos die Nacht zum Tag.

Foto (c) iStockphoto / AleksandarNakic

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1 Kommentar

  1. Jens

    Wirklich eine wunderschöne Stadt!