Tirol: Das Land im Gebirge

Nirgendwo auf der Welt liegen landschaftliche Höhepunkte und urbane Vielfältigkeit so eng beieinander wie in Tirol: Schroffe Berge bieten die spektakuläre Kulisse für die Höhepunkte jahrhundertealter Traditionen der Habsburger Monarchie. Schneebedeckte Gipfel werfen ihre Schatten auf prachtvoll gestaltete Kirchen. Tirol, das Land im Gebirge, ist ebenso sportliche wie kulturelle Herausforderung – ist das Terrain der Mountainbiker, Wanderer, Rafter, aber auch das Reich der Tanzfestivals, der Konzerte und Straßentheater. Wenn Sie Tirol entdecken, entdecken Sie ein Land voll spannungsreicher Kontraste.

Am Anfang steht – der Berg. Die Gipfel der Stubaier Alpen, die schroffen Wände der Dolomiten, das Karwendel, die Ötztaler Alpen, das Großglocknermassiv, das Kaisergebirge, die Lechtaler Alpen: Sie sind das erste, was Besucher wahrnehmen, schon von Weitem, noch bevor sie überhaupt in Tirol angekommen sind.

Die Berge sind es, die von Anfang an das Schicksal Tirols bestimmt haben, sie wurden zum größten Kapital des Landes und seiner Einwohner. Zuerst waren es die Bodenschätze, die für Reichtum sorgten: Ab dem 13. Jh. wurde Salz im Halltal abgebaut, etwa zweieinhalb Jahrhunderte später dann Silber, etwa in Schwaz oder rund um Kitzbühel. Das Edelmetall wurde zu Münzen verarbeitet und in ganz Europa als Zahlungsmittel verwendet. Als sich die Vorkommen jedoch langsam erschöpften, musste Tirol umsatteln. Und wieder waren es die Berge, die den Weg des Landes vorgaben: Schon um 1850 kamen die ersten Touristen ins Tiroler Unterland, nach Kitzbühel und ins Zillertal, um sich im Gebirge zu erholen.

In den letzten 150 Jahren haben Millionen Touristen das Land besucht. Ihre Wünsche haben Tirol gezwungen, sich ständig zu erneuern – allerdings nicht immer und überall so erfolgreich wie etwa in Innsbruck. Die Stadt setzt seit ein paar Jahren auf internationale Architekten, die sich um die Erneuerung kümmern: auf die britisch-irakische Visionärin Zaha Hadid, die die neue Sprungschanze und die Bahn auf die Hungerburg gestaltete, oder auf den Briten David Chipperfield, der dem alten Kaufhaus Tyrol in der Maria-Theresien-Straße ein neues Gesicht verpassen soll.

Heute ist der Tourismus die zweitgrößte Einnahmequelle nach der Industrie. 8,5 Mio. Gäste kommen pro Jahr, der größte Teil aus Deutschland: Tirol liegt nah, und die Sprachen sind ähnlich. Denn die Tiroler, bekannt für ihren kehligen Dialekt, sind durchaus auch des Hochdeutschen mächtig – wenn sie sich Mühe geben. Keine Mühe dagegen müssen sich die Berge geben: Sie sind da und sie sind attraktiv – für die meisten im Winter mehr als im Sommer. 15000 km Wanderwegen stehen 3500 km Skipiste gegenüber, eine Strecke, die von Oslo bis nach Sizilien reichen würde, dazu kommen 250 Rodelbahnen. Und wem das zu wenig Adrenalinschub ist, der kann die Berge, die Gipfel, Grate und Täler, auf viele andere Arten sportlich angehen: Raften, Paragliden, Mountainbiken, Klettern Canyoning – alles unter fachkundiger Anleitung. Daneben hat sich in Tirol ein reichhaltiges Kulturprogramm etabliert. Der „Innsbrucker Tanzsommer“ lockt jedes Jahr zahlreiche Besucher ins Land, das Straßenfest in Lienz ist eins der größten Festivals für Straßenkünstler weltweit, das „Festival der Träume“ lädt die besten Clowns nach Tirol und natürlich gibt es auch ein Filmfestival in St. Anton, bei dem – wie soll es auch anders sein – die Berge im Mittelpunkt stehen.

Durch die Bedeutung dieses einzigartigen Naturrraums für das Land haben auch jene, die sich um seine Erhaltung kümmern – die Bauern – eine besondere Stellung in Tirol. Als in anderen Teilen des Habsburger Reichs noch die Leibeigenschaft weit verbreitet war, hatte sich in Tirol längst ein freier Bauernstand etabliert. Öfters wurde versucht, diese Freiheit zu beschränken. Doch die Tiroler Bauern wehrten sich. Da wurden Landesfürsten einfach abgesetzt oder man kämpfte mit Waffengewalt gegen die einfallenden Bayern, die versuchten, das seit Jahrhunderten unveränderte Weltbild der Tiroler zu reformieren. Dreimal gelang es 1809 den Tiroler Schützen unter Andreas Hofer das übermächtige Bayernheer zu schlagen. Beim vierten Mal mussten sie sich dem Zeitalter der Aufklärung, das mit den Bayern Einzug halten sollte, geschlagen geben. Andreas Hofer lebt bis heute als Volksheld für den Kampf um die Tiroler Freiheit weiter. Der Kampfeswille aber ist ungebrochen – heute gilt er den Blechlawinen, die sich das Jahr über durch Tirol schleppen. Die Strecke von Kufstein über den Brennerpass ist mit 1374 m die niedrigste und günstigste Überquerung der Ostalpen, die schnellste Verbindung zwischen dem Europa nördlich der Alpen und dem Mittelmeer. Diese Brückenfunktion nutzen jährlich ca. 2 Mio. Lkws und 15 Mio. Pkws. Sie alle donnern über die Inntal- und die Brennerautobahn und sorgen für erhebliche Gesundheits- und Umweltbelastungen, ganz abgesehen von dem konstanten Lärmteppich im Inn- und Wipptal. Immer wieder blockierten Anrainer deswegen die Autobahn, sehr zum Ärger der verschiedenen Lobbys.

Dieser Kämpfernatur wegen werden die Tiroler gern als „Sturschädel“ bezeichnet. Stolz – sagen manche – wäre wohl der bessere Ausdruck. „Tirol ist ein grober Bauernkittel, aber er wärmet gut“, so charakterisierte vor 500 Jahren Kaiser Maximilian I. das Land und seine Einwohner. Neben Stolz (oder Sturheit) gehören Wärme und Herzlichkeit zum Tiroler Naturell. Man darf sich also nicht wundern, wenn man von einem wildfremden Menschen mit dem vertraulichen Du angesprochen wird. Am Berg zählen eben keine Höflichkeitsfloskeln.

Tirol zählt heute etwa 688000 Einwohner und liegt mit 12650 km² flächenmäßig an dritter Stelle der österreichischen Bundesländer, nach Niederösterreich und der Steiermark. Eigentlich wäre es ja das größte der österreichischen Länder, doch durch den Friedensvertrag von St. Germain nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 wurde Tirol zerrissen: Süd- und Welschtirol (das heutige Trentino), kamen zu Italien, Nord- und Osttirol, die nicht aneinandergrenzen, blieben bei Österreich. Das heutige Tirol misst damit nur noch zwei Fünftel seiner ursprünglichen Größe. Die Siegermächte zogen die neue Grenze entlang der Pässe des Alpenhauptkamms, einer natürlichen Nahtstelle, an der das Land aber schon vor Jahrhunderten zusammengewachsen war. Wieder waren es also die Berge, die Tirols Schicksal beeinflussten. Mit dem Beitritt zur EU 1995 näherten sich Tirol und Südtirol jedoch wieder an und arbeiten heute in vielen Bereichen zusammen.

Die Berge waren also – mal gewollt, mal ungewollt – über Jahrhunderte verantwortlich für den Weg, den Tirol gegangen ist. Darum ist es für die Gäste Pflicht, neben dem Besuch all der wunderbaren Sehenswürdigkeiten in den Städten und Tälern, den einen oder anderen Ausflug in die Höhe zu machen. Abgesehen davon, dass das Gebirge ein Naturraum einzigartiger Schönheit ist: Um Tirol und die Menschen, die dort wohnen, zu verstehen, führt am Berg kein Weg vorbei.

Foto (c) iStockphoto / Davidsonn

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