Süditalien: Kontrastreiches Konzentrat an Kulturgeschichte

Der Süden Italiens ist ein Reiseziel, das starke Gefühle hervorruft; er konfrontiert Besucher mit einer extremen Natur, mit zahllosen Spuren einer reichen Geschichte und mit Menschen, die scheu und überschwänglich, misstrauisch und gastfreundlich zugleich sein können. Rom und Süditalien sind ein kontrastreiches Konzentrat an Kulturgeschichte und eine sonnenverwöhnte Urlaubsregion mit Aberhunderten Kilometern Küste. Die Küche spiegelt die landschaftliche Vielfalt wider, und dazu besitzt der Süden Italiens etwas, was der wirtschaftlich entwickeltere Norden fast verloren hat: lebendiges Brauchtum und vor allem viel Zeit!

In den Süden Italiens, den mezzogiorno, ins Land des Mittags, zieht es immer mehr Reisende: Da sind die Sonne, das saubere Meer, in grüne Macchia und Felsen gebettete Strandbuchten, grandiose, wilde Bergwelten und Haine aus uralten, knorrigen Olivenbäumen, unter denen knallrot der Klatschmohn blüht. Da hängen Zöpfe aus Knoblauch, Pfefferschoten und kleinen Tomaten an den Häuserwänden in der Sonne zum Trocknen – als Proviant für den Winter, als kräftige Würze für die Pastasauce. Klematis, Bougainvillea und Wein ranken an den Balkonen und Sonnenterrassen empor.

Das Leben im Süden hat sich in den letzten 20 Jahren modernisiert, von der einst sprichwörtlichen Rückständigkeit kann kaum mehr die Rede sein. Eine Zukunftsperspektive steckt im Tourismus, dank Mittelmeerklima und grandioser Landschaft: Es beginnt in den Abruzzen mit dem kalkhellen Massiv des Gran Sasso d’Italia, mit 2914 m die höchste Spitze des italienischen Apennins; hinzu kommen die Bergwelt des Nationalparks der Abruzzen, in dem Wölfe und Bären leben, sowie die Maiellagruppe.

Apulien prägen die mit Weizenfeldern und Trauben überspannten Ebenen des Tavoliere und der wunderbare Wald auf dem Stiefelsporn Gargano, die Foresta Umbra. Die Basilikata teilt sich mit Kalabrien das stille, weite Pollinomassiv mit den bizarren, uralten Panzerföhren. Ganz im Süden folgen schließlich die dichten Wälder im Sila- und Aspromontegebirge mit denen der Apennin auf der Stiefelspitze ausläuft. Und dann natürlich Kampanien mit Bergen, Wäldern und Grotten im Cilento und dem immer noch wachen Vulkanberg Vesuv.

Auch die Küstenlandschaft hat alles zu bieten, was Urlauber sich nur wünschen können: Auf die kinderfreundlichen, flachen Sandstrände an der Adriaküste der Abruzzen und des Molise folgt das bewegte Wechselspiel aus Sand- und Kiesbuchten, Felsküste und Meeresgrotten in Apulien. Dem schließt sich die Ebene von Metapont in der Basilikata an mit ihren flachen, weiten Stränden.

Die Küste Kalabriens wiederum bietet ein Auf und Ab an Stränden und Felsklippen, Höhepunkte sind die Halbinsel Isola di Capo Rizzuto und die Klippen überm Sandstrand von Tropea. An das Tyrrhenische Meer stößt dann noch mal ein Stück der Basilikata mit einem besonders schönen Küstenabschnitt an, dem Golf von Policastro mit dem Hauptort Maratea. Darauf folgt der Cilento, die Bergwelt Kampaniens, die mit wunderbaren Strandbuchten und geheimnisvollen Grotten ins Meer hineinreicht. Der vielleicht schönste Küstenabschnitt ganz Italiens bei Amalfi nennt sich zu Recht Costa Divina, Göttliche Küste. Sie mündet in die Halbinsel von Sorrent, die den Südbogen des weiten Golfs von Neapel mit seinen drei so unterschiedlichen Inseln Capri, Ischia und Procida schlägt. Höhepunkte an der Küste des Latium bilden die Dünen des Naturparks Circeo, der Golf von Gaeta und die Inseln Ponza und Ventotene.

Naturschutz wird neuerdings großgeschrieben, was auch überfällig ist, denn die wilde Zersiedelung der letzten Jahrzehnte hat ihre unschönen Spuren hinterlassen. Junge Süditaliener tun sich zu Kooperativen zusammen und erschließen als Wanderführer die grandiosen Bergwelten für sanften Naturtourismus. Sie greifen traditionelle Volksmusik, altes Handwerk, kulinarische Traditionen wieder auf und beleben für sich und die Reisenden den kulturellen Reichtum des Südens neu. Fischer bieten Ausflüge zu den Grotten in den Felsküsten an oder nehmen die Touristen in ihren Booten auf Fischfang mit.

Auch die alte Bauernarchitektur, besonders vielfältig in Apulien, profitiert davon, dass die Auswanderung nachgelassen hat und die touristische Entdeckung zunimmt: Noch unlängst vom Verfall bedroht, werden nun viele der wunderschönen alten masserie, der großen, befestigten Gutshöfe in der Basilikata, vor allem aber in Apulien, von der jüngsten Besitzergeneration restauriert und zu traumhaften Feriendomizilen umfunktioniert. Das Gleiche geschieht auch mit den trulli, den runden apulischen Katenhäuschen in der Valle d’Itria mit dem Zentrum Alberobello.

Politisches und religiöses Zentrum (Süd-)Italiens ist Rom, der Mittelpunkt Italiens. Die Römer mischten sich mit dem alten Kulturvolk der Etrusker, die Jahrhunderte vor der Zeitenwende Mittelitalien mit komplexen, hochkulturellen Stadtgemeinschaften besiedelten. Ihre kostbaren Hinterlassenschaften kann man heute in ihren ausgegrabenen Totenstädten und in den reichen Museen in und um Rom bewundern. Die Römer assimilierten aber auch das griechische Erbe: Die Griechen waren vor 2500 Jahren zunächst auf Ischia, dann auf dem Festland nahe bei Neapel gelandet. Damit begann der Aufbau einer durch Handel, hoch entwickeltes Handwerk, wissenschaftliche Kenntnisse und philosophische Schulen überreichen Kolonie aus über 40 Städten längs der Küste Süditaliens – die Wiege der europäischen Kultur. Ausgrabungsstätten, Museen und die wunderbare Tempelanlage in Paestum zeigen die sichtbaren Reste.

Mit dem Zusammenbruch des Römischen Imperiums im 4. Jh. begann eine andere Geschichte Süditaliens, die der ständig wechselnden Herrscher, die aus fremden Ländern über die Alpen oder vom Meer kommend hereinbrachen: Byzantiner, Sarazenen, Langobarden, Araber, Normannen, Staufer, Spanier, Franzosen, Bourbonen, Habsburger. Von ihnen sieht man heute noch Paläste, mächtige Kastelle und schöne Kirchen.

Rom als Zentrum des abendländischen Christentums hat auf ganz Süditalien ausgestrahlt: mit phantastischer Sakralkunst, mit Kirchenarchitektur aus Mittelalter, Renaissance, Barock und mit eindrucksvollen Klosteranlagen. Die Frömmigkeit des Südens äußert sich heute noch in der kuriosen Kleinkunst der neapolitanischen Weihnachtskrippen, die in ihrem ganzen Überschwang im Krippenviertel San Gregorio Armeno in Neapel zur Adventszeit zu bewundern sind – übrigens ist der Winter eine besonders schöne Reisezeit für den Süden.

Dabei klappt es selbst in abgelegenen Dörfern oft gut mit der Verständigung: Gerade die Älteren können fast alle noch etwas Deutsch aus ihrer Zeit als Arbeitsimmigranten in der Schweiz und in Deutschland. Nun leben sie friedlich ihren Lebensabend im Heimatort, wo sie Gemüse und Wein ziehen und am Nachmittag auf die Piazza oder in die Bar zu einer Kartenrunde briscola gehen.

Foto (c) iStockphoto / pacaypalla

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