Schottland: Das wildromantische Nordland

Schottland ist Kult! Kilt, Nessie, Maltwhisky, Dudelsack, Burgen und Golf locken ins wildromantische Nordland. Zwischen Edinburgh, Shetland und Hebriden wird die Windschutzscheibe zum Panoramafenster für Bergkuppen, Moorseen und Steilküsten. Das atlantische Wetter sorgt für ständige Lichtwechsel, und die Dramatik der oft menschenleeren Highlands erlebt man am besten zu Fuß. Komplett ist die Reise ins Land der filmreifen Mythen, wenn man der Einkehr vom Ausflug genügend Zeit einräumt: in feinen Fischlokalen oder rustikalen Pubs, danach träumend in spukigen Gemächern oder prachtvollen Schlössern.

An einem schönen, lauen Sommerabend vor ein paar Jahren in Edinburgh: „I’m only happy when it rains!“ singt Frontfrau Shirley Manson von der Rockband Garbage zur Einweihungsfeier des ersten schottischen Parlaments seit gut 200 Jahren. Und alle Zuschauer singen inbrünstig mit. Womit sich neben dem wechselhaften Wetter Schottlands ein Grundzug des schottischen Charakters zeigt: der knackige Humor! Das Naturell dieses Volks ist von historischen Härten, subarktischer Randlage und calvinistischer Strenge genauso geprägt wie vom hitzigen und melancholischen Wesen ihrer keltischen Ahnen, der Skoten und Pikten. Diese Mischung hat die Schotten zu einem offenherzigeren und impulsiveren Menschenschlag werden lassen als ihre reservierteren südlichen Nachbarn, die angelsächsischen Engländer.

Wie kommen zwei so unterschiedliche Temperamente auf einer Insel miteinander aus? Bis ins 18. Jh. hinein nur schlecht, und noch heute sind die Schlachten mit den Engländern für viele Schotten im Gedächtnis verankert. Seit der Londoner Regentschaft des gebürtigen Schotten Tony Blair geht es etwas besser, denn der ließ erstmals wieder ein schottisches Parlament zu. Dabei müssen sich die gut fünf Millionen Schotten, die auf einem Gebiet von etwa der Größe Österreichs leben, nicht verstecken. War es vor 150 Jahren der Schiffbau am Clyde, der Schottland wirtschaftlich unter Dampf brachte, sind es heute vor allem Computer- und Gentechnik im so genannten Silicon Glen zwischen Edinburgh und Glasgow. Studienplätze in Schottland sind begehrt, Kreativität und das gute Bildungswesen sind seit langem Pfunde, mit denen Schottland wuchern kann.

Die meisten Besucher kommen der rauen, dominierenden Natur wegen, und doch ist das Land auch ein respektables Kulturziel. Im Süden, in den meist lieblichen Lowlands mit reizvollen Kleinstädten wie Jedburgh oder Peebles, locken romantische Abteiruinen aus dem 12. Jh. Unter gotischen Bögen wird schottische Grenzgeschichte nachvollziehbar. Am intensivsten erfährt man die hügelige Region der Klosterruinen und idyllischen Forellenflüsse übrigens mit dem Rad oder bei Tageswanderungen etwa um Melrose – wobei man auch gleich der Literatur auf die Spur kommen kann. Ein Besuch des märchenhaften Domizils des Romanciers Sir Walter Scott am Fluss Tweed bei der Dryburgh Abbey ist ein Muss. Abbotsford House heißt seine Schmiede des Schottland-Tourismus, denn ohne Scotts Erzählungen aus dem 19. Jh. wäre das Klischee von ganzen Kerlen in karierten Kiltröcken nicht entstanden. Kein Hollywood-Highlander ohne den Lowlander Scott, keine Donizetti-Oper „Lucia di Lammermoor“ ohne seine Vorlage. Einzig die Legende vom Ungeheuer im Loch Ness, der quäkende Dudelsack, der im Whisky destillierte Geschmack der Highlands und der Charme Sean Connerys sind nicht auf Scott zurückzuführen.

Zwischen Lowlands und Highlands reihen sich die Städte Glasgow und Edinburgh fast wie eine natürliche Grenze auf. Unterschiedlicher können zwei Städte, getrennt nur durch eine Stunde Bahnfahrt, nicht sein. Edinburgh (sprich: Edinbarra) verströmt mittelalterlichen Charme, besonders auf der Royal Mile, die den majestätischen Burghügel mit dem königlichen Holyrood-Palast verknüpft. Auf einer der wohl atmosphärischsten Highstreets Europas erreicht das Flanierbarometer oft südländische Hochs. Schotten feiern den Büroschluss hemdsärmelig in Straßencafés, Touristen stecken ihre Nasen in die schmalen Gassen, in denen mit der Dämmerung der Spuk von Hexenverfolgungen und die Moritaten eines Dr. Jekyll wieder aufzuleben scheinen. Ganz anders Glasgow. Hier gibt es keine Fassade wie aus einem Guss, stattdessen konkurrieren in der Stadt am Clyde klassizistische Tempel mit neugotischen Türmen und Jugendstilansichten. Straßenplan und Drive erinnern eher an Chicago als ans Mittelalter. Schottisches Lebensgefühl und Temperament sind nirgends authentischer zu erleben als in Glasgow. Auch wenn der Dialekt schwer verständlich ist, wird jeder Besucher vom Streetlife, den Musikclubs, der lebendigen Kunstszene und der Gastfreundschaft positiv überrascht sein.

Nördlich der Städte beginnen die Highlands: eine nach Norden hin immer ungeschlachtere, grünsamtige Bergregion, die an Sardinien oder Patagonien erinnert. Zwischen den Bergen (Bens) blinken fischreiche Seen (Lochs) wie Spiegel, hier haben Forellenangler ihr Revier, in den Flüssen gehen die Schotten auf Lachse.

Wer mit dem Auto unterwegs ist, bestaunt phantastische Panoramen. Links der Straße ziehen Nebelfetzen über das Torfmoor, rechts leuchtet das rötliche Fell eines Highlandbullen in der pinkfarbenen Heide. Lichtfinger tasten suchend vom Himmel herab, beleuchten für einen Moment eine einsame Kieferngruppe inmitten eines Sees, streicheln dann die aufstrebenden Flanken eines gezackten Gipfels, über dem Adler und Raben ihre Kreise ziehen. Nie ist das Meer weiter als eine Autostunde entfernt. An der rauen Westküste, zwischen Oban und Mallaig, verfärbt sich der Himmel abends von Türkis nach Pink. Im Osten, über den kleinen Häfen der Halbinsel Fife, klärt sich der typische Morgennebel, haar genannt, oft zu einem fast mediterranen Licht. In dieser Landschaft Golf zu spielen ist für die Schotten Alltag, und Besucher, auch Anfänger, sollten es unbedingt auch einmal versuchen. Besonders die links genannten Plätze in den Dünen der Ostküste zwischen St. Andrews, Aberdeen und Peterhead sind landschaftliche Highlights.

Nördlich des geologischen Grabens Great Glen mit dem sich von der „Highland-Hauptstadt“ Fort William bis nach Inverness dahinziehenden Caledonian Canal ist das Land fast menschenleer. Die Kleinbauern (crofters) wurden im frühen 19. Jh. von adeligen Großgrundbesitzern, die Schafzüchter waren, vertrieben. Für die Jagdgelüste der neuen gentry wurde Rotwild eingeführt. Prachtvolle Hirsche sind heute oft von der Straße aus zu beobachten. Dann tauchen plötzlich Schlösser und Burgen wie hingezaubert auf. Und fast überall hat der Wanderer Zutrittsrecht.

Im Norden liegen Orkney und Shetland fast wie eigenständige Reiche, deren hervorragende Ausgrabungen, Steinkreise und geografische Namen an die über 5000-jährige Besiedlung und die Verbundenheit der Insulaner mit den Wikingern erinnern. Die Inseln sind gut mit dem eigenen Wagen zu bereisen, wenn man die Fährreise nicht scheut. Eher keltisch-verträumt sind die Hebriden im Westen Schottlands. Ein Segeltörn zwischen den dramatisch Gebirgen der Inneren Hebriden wie Jura, Mull oder Skye bietet sich an. Oder man nimmt Kurs auf die Äußeren Hebriden, zu den entrückt wirkenden Uists und dem dramatischen Steingebirge von Harris. Auf Lewis locken der zweitgrößte Steinkreis Britanniens, auf Harris menschenleere Strände. Die abgelegenen Inseln sind etwas für Schottlandkenner. Sie kommen wegen des süchtig machenden Fluidums, das vom Lichtspiel der Himmelsgezeiten auf einer herbschönen Landschaft rührt.

Foto © iStockphoto / Bim

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