Nordseeküste: Wonne für die Sinne

Ankommen an der Nordseeküste: Sie stehen auf dem Deich, der Wind zerrt an Ihrer Kleidung. Ebbe. Vor Ihnen endlose Weite. Das Watt glänzt, Sie riechen das Meer, schmecken Salz auf Ihren Lippen. Später die Flut. Die See brandet zahm, lädt zum Baden ein. Anders im Winter: Dann toben Wellen wild und gefährlich. Sie werden Zeuge von Sturm, Brandung und Möwenkreischen. Der Rest ist Stille an der Küste. Der Himmel ist selten blitzblank blau, dafür bietet er nahezu täglich ein betörendes Schauspiel aus Wolken und Licht. Ihre Reise an die Nordseeküste ist eine Wonne für die Sinne. Angekommen, werden Sie es spüren.

Bei null ruht er, bis fünf schafft er es fast täglich, ab sechs wird er ungemütlich, über zehn gefährlich, erreicht er zwölf, meldet das Radio Unwetterwarnungen. Der Wind lässt die Bäume gen Osten wachsen, verpasst den Büschen eine Sturmfrisur. Meistens bläst er aus Westen; mal aus Nordwest, mal kommt er aus Südwest, der „Schietecke“, denn von dort bringt er Wolken und Regen mit.

Stehen die Windräder still oder ein schlapper Ostwind treibt sie an – was selten passiert -, bleibt das Wetter zwar, wie es ist, aber bei ablandigen Brisen plätschert das Meer wie gelähmt vor sich hin, und die Menschen an der Küste fühlen sich „dösig“ im Kopf. Ohne Wind ist die Welt an der Nordsee nicht in Ordnung. Er ist hier zu Hause; oft lässt er das Meer, wie die Seeleute sagen, kabbelig werden: Dann türmen sich Wellen auf, stürzen in sich zusammen, Kämme brechen, die Gischt schäumt, und die Wassermassen werden mit aller Macht gegen das Land gedrückt.

Schon immer hieß es für die Menschen im Westen Schleswig-Holsteins, Wind und Wasser zu widerstehen, den Naturgewalten zu trotzen. Ihre Devise und zugleich ihr Schicksal: „Wer nicht will deichen, muss weichen.“ Rund 300 km lang ist die Deichlinie; ein Erdwall, 8 m hoch, der die Küstenlandschaft in zwei Teile teilt. Binnen, auf der Landseite, zerschneiden Gräben und Sielzüge das Marschland. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem, einst von den Niederländern ins Land gebracht, sorgt dafür, dass Mensch und Tier hier keine nassen Füße bekommen. Buten, auf der Seeseite des Deichs, müht sich der Mensch, das Meer zu zähmen. Seit Jahrhunderten rammen die Küstenbewohner Tausende Pfähle ins Watt, schütten Erdhaufen auf, ziehen Gräben, heute wird auch asphaltiert und betoniert – mit nur einem Ziel: der stürmischen See, dem „Blanken Hans“, die Stirn zu bieten.

Ein Blick auf die Landkarten von einst zeigt, wie mächtig Sturm und Wellen sind, wie viel Land sich das Meer in den vergangenen Jahrhunderten geholt hat. So ist die heutige Nordseeküste mit den Inseln und Halligen ein Ergebnis vergangener Katastrophen. Und auch dieser Rest ist vor neuen Fluten nicht sicher. Nur dank des intensiven Küstenschutzes hatte das Meer in den letzten Jahrzehnten kaum eine Chance, sich noch mehr Land einzuverleiben. Die „Landschaft“ vor dem Deich ist wahrlich schützenswert. So ist das Wattenmeer neben den Alpen das letzte flächendeckende Wildnisgebiet Europas. Hier leben 250 Tierarten, die in keinem anderen Gebiet der Erde vorkommen; auf den Salzwiesen entlang Küste rasten auf dem Zug im Frühjahr und Spätsommer mehr als 2 Mio. Wat- und Wasservögel.

300000 Menschen leben an der Westküste Schleswig-Holsteins, südlich der Eider die Dithmarscher (136000), nördlich die Nordfriesen (164000). Was sie unterscheidet? Steht ein Nordfriese auf dem Deich, schaut er aufs Meer, mit Wehmut und Stolz. Waren seine Vorfahren doch Kapitäne, Steuerleute, Matrosen. Der Dithmarscher hingegen, so die gern erzählte Anekdote, kehrt der See den Rücken zu. Er blickt auf das grüne, fruchtbare Land. Mit stolzer Geste wird er sagen: „All min!“ Wind und Wasser haben das Denken und Handeln der Menschen nördlich wie südlich der Eider schon immer bestimmt. Flutkatastrophen raubten den Nordfriesen ihr fruchtbares Land; sie heuerten auf Walfängern an und fuhren zur See. Die Dithmarscher blieben zu Hause. Zwar wurden auch sie vom „Blanken Hans“ nicht verschont, doch da das Marschland südlich der Eider höher liegt, konnten die Bauern sorgloser ihre Äcker bestellen und von den Erträgen Frau und Kinder ernähren.

Heute ist der gesamte Küstenstrich zwischen Elbmündung und deutsch-dänischer Grenze, wie es Politiker nennen, strukturschwaches Gebiet. Folglich gibt es für Finanzminister hier wenig zu holen. Und auch dem Arbeitsminister bereitet das platte Land Kopfschmerzen. Werden die Arbeitslosenzahlen bekannt gegeben, steht die Westküste regelmäßig an der Spitze. Attraktive Arbeitsplätze gibt es nur in den Städten. Die Folge: Die Jungen, die Erben von Hof und Acker, sehen hinter dem Deich keine Zukunft. Viele verlassen die Küste. Wer bleibt und allein von Raps, Weizen, Kohl, Schafen und Kühen nicht leben kann, der baut den Stall oder das Dachgeschoss aus, hängt ein Schild in den Vorgarten und hofft auf ein Zubrot. Bläst der Wind nicht allzu oft aus der Schietecke, ist der Himmel blau, die Nordsee warm; kurzum, verspricht der Wetterbericht einen richtigen Sommer, dann geht die Rechnung auf, und die Gastgeber an der Nordsee können das Schild „Zimmer frei“ umdrehen.

Dithmarscher wie Nordfriesen wissen: mit Welle, Wind und Watt allein können sie die Urlauber nicht glücklich machen. Zwar ist die Küste lang, doch Sandstrände sind knapp, und schließlich soll der Gast bei Tiefdruck nicht Trübsal blasen. So gibt es in den Küstenorten ein umfangreiches Angebot an Sport, Spiel und Spaß für die ganze Familie. Die Gastgeber setzen auf Entdecken und Erleben; zu Fuß, mit dem Rad oder an Bord eines Schiffes auf Tour gehen und die faszinierende Welt des Nationalparks Wattenmeer kennenlernen. Nahezu jeder Ort an der Küste hat sein Museum; doch da diesem Wort oft etwas Langweiliges anhaftet, spricht man lieber von Erlebniswelten: Mit multimedialen Inszenierungen wird der Besucher hier im besten Sinne unterhalten, und er erfährt alles über das Leben vor und hinter dem Deich.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung!“ Diese, zugegeben, etwas kesse Gleichung soll Sonnensüchtige trösten, wenn beim Blick aus dem Fenster mal wieder „Schietwetter“ aus der besagten Ecke aufzieht. Kein Trost? Nun, vielleicht vertreibt ja die Statistik die letzten Zweifel am Nordseewetter: Von Juni bis August gibt es schlechtestenfalls zehn Regentage im Monat. Die Sonne scheint sieben bis neun Stunden am Tag (!), und die Nordsee erwärmt sich auf erfrischende zwanzig Grad.

Den wahren Nordseefan schert die Wetterkarte ohnehin nicht. Er kommt im Herbst, Winter oder im Frühjahr, holt sich statt eines Sonnenbrandes eine kalte Nase, schwört auf das gesunde Reizklima und schwärmt von der Ruhe. Auch die Küstenbewohner sind nicht traurig, wenn die meisten Gäste weg sind, ihr Leben wieder beschaulich wird. Ihnen wird ja eh nachgesagt, sie seien wortkarg. Wahr ist, dass der Mensch hinter dem Deich gern auch mal schweigt, länger, als es so mancher Stadtbewohner aushalten mag. Wer viel fragt, bekommt hier nur kurze Antworten, ein kehliges „Jo“ vielleicht oder ein lang gezogenes „Dooch“. Mehr nicht. Und dies ist bitte nicht als Ablehnung zu verstehen. Im Gegenteil: Gemeinsam auf der Bank vor dem Haus oder am Deich sitzen, in die Weite schauen und schweigen – das ist Glück an der Nordseeküste.

 

Foto: © ra-photos / istockphoto.com

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