Madrid: Die Hauptstadt des nimmermüden Nachtlebens

Was hat Madrid bloß an sich? Die Stadt besitzt kein Metropolenflair wie Berlin oder London. Sie kann auch nicht mit spektakulären Bauwundern prahlen wie Rom oder Paris. Wahrscheinlich ist es ihre uneitle Bescheidenheit, die die Besucher gefangen nimmt. Die Stadt mit ihren 3,2 Mio. Ew. platzt vor Energie aus allen Nähten. Das historische Herz Madrids kennt keine stillen Stunden, keine ausgestorbenen Fußgängerzonen – Madrid ist die Hauptstadt der marcha, des nimmermüden Nachtlebens. Und nebenbei die Stadt des Prado, des Reina Sofía und des Thyssen-Bornemisza, dreier Kunsttempel von Weltruf.

Wer tagsüber die Calle del Pez entlangläuft, wird unweigerlich Ramón begegnen. Ramón ist schrecklich geschäftig, aber für Komplimente hat er immer Zeit. „Wie schön Sie heute sind, Señora!“, sagt er den jungen und besonders gern den alten Damen. Vor jedem Kinderwagen bleibt er stehen und fragt: „Wie gehts denn dem Kleinen?“, und den Männern ruft er zu: „An die Arbeit, Spanier!“ Niemand fühlt sich belästigt, die Angesprochenen erwidern den Gruß und gehen mit amüsiertem Lächeln weiter. Sie kennen Ramón, sie wissen, er ist nicht der Klügste. Die Ladenbesitzer der Straße geben ihm kleine Aufträge, er trägt Brot aus, bringt Altpapier zum Container, verteilt die Madrider Gratiszeitung. Ramón gehört dazu: gar nicht wegzudenken aus der Calle del Pez.

Madrid ist das größte Dorf Spaniens, hat einmal ein Radiojournalist über die Stadt gesagt, und er hat es nicht etwa böse gemeint. Das Leben in den barrios, den Stadtvierteln, vor allem im alten Madrid hat etwas vom Leben auf dem Dorf. Die Menschen, die in den schmalen Straßen der Altstadt leben, kennen sich, sie grüßen sich, fragen nach dem Befinden des Hundes und kommentieren die letzten Neuigkeiten: Letizia (die Frau des Kronprinzen Felipe) wirkt ja wieder etwas glücklicher!, van Nistelrooy (einer der Stürmerstars von Real Madrid) hat ja gestern wieder ein phänomenales Tor geschossen!, Ibarretxe (der Ministerpräsident des Baskenlandes) soll uns bloß in Ruhe lassen!

Mit 3,2 Mio. Ew. ist Madrid die größte Stadt Spaniens, doch die ländlichen Wurzeln der Metropole verkümmern nicht. Die Madrider kommen vom Land. Es gibt nur wenige alteingesessene Familien in der Stadt, die meisten Bewohner sind Zugezogene oder Kinder von Zugezogenen oder höchstens Enkel von Zugezogenen. Deswegen macht sich auch an jedem verlängerten Wochenende eine Autokarawane von Madrid in alle Winkel Spaniens auf. Voy al pueblo, sagen sie dann, ich fahr aufs Dorf: Gemeint ist das Dorf der Eltern, der Onkel oder Tanten oder Großeltern. Jeder Madrider hat irgendwo in Spanien seine zweite Heimat.

Seit der Habsburgerkönig Philipp II. das unbedeutende kastilische Städtchen Mitte des 16. Jhs. zur Hauptstadt seines Reiches erkor, hat Madrid nicht aufgehört, Immigrantenstadt zu sein. Über Jahrhunderte war es vor allem der königliche Hof, der Arbeit versprach. Doch die Lebensbedingungen der meisten Bewohner waren so miserabel, dass mehr Menschen starben als geboren wurden. Ohne die Zugezogenen aus Galicien, Andalusien, der Extremadura, dem Baskenland oder dem kastilischen Umland hätte Madrid nicht überlebt. Trotzdem wuchs die Stadt sehr langsam. 1910 lebten in London mehr als 7 Mio. Menschen, in Berlin gut 2 Mio. – in Madrid gerade 500000.

Der Anschluss an Europa sollte noch Jahrzehnte auf sich warten lassen. Spanien und Madrid erlebten das Drama des Bürgerkriegs (1936 bis 1939) und der anschließenden Diktatur des Generals Francisco Franco bis zu dessen Tod Ende 1975. Politisch blieb das Land auf dem Nullpunkt, wirtschaftlich begann es sich erst ab den Sechzigerjahren langsam zu entwickeln.

Während es Madrid nicht gut ging, ging es dem Rest Spaniens noch schlechter. Die Landflucht entvölkerte ganze Regionen. Die Menschen suchten ihr Glück in Deutschland oder in der Schweiz, in Katalonien oder in Madrid. 1950 lebten in Madrid schon gut 1,5 Mio. Menschen, 1970 mehr als 3 Mio. Ein Ring von ärmlichen, schnell gebauten Häusern und Hütten umzog bald die alte Stadt. Die meisten von ihnen sind im Lauf der Jahre gesichtslosen Wohnblocks gewichen – darin lebt es sich etwas besser als in den selbst gezimmerten Behausungen, doch architektonischen Charme sucht man in den Vororten Madrids vergebens.

Die eigene Erfahrung als Zugezogener macht die meisten Madrider toleranter gegenüber allem Fremden. Seit Mitte der Neunzigerjahre kommt der Großteil der Immigranten nicht mehr aus Andalusien oder von der galicischen Küste, sondern aus Afrika, Osteuropa, China und vor allem aus Lateinamerika. Nicht, dass die Einheimischen ohne jede Vorurteile wären, aber im Alltag lassen sie das niemanden so leicht spüren.

Wirklich Großstadt ist Madrid erst seit dem Ende des Franco-Regimes. Nach dem Tod des Diktators 1975 machte sich Spanien auf den Weg zur Demokratie; beinahe alles verlief friedlich in der Stratosphäre der Politik. Doch die wahre Befreiung aus fast 40 Jahren Muff und Enge fand auf den Straßen statt – eine Explosion der Lebenslust. „Es war eine unbesonnene, verspielte, kreative Epoche voller fiebriger Nächte“, erklärt Pedro Almodóvar. Für ein paar Jahre, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, war Madrid die heißeste Stadt der Welt.

Die heute 40- bis 50-Jährigen trauern den Tagen der Movida Madrileña (etwa: der Madrider Bewegung) immer noch hinterher. Doch nicht nur die Lust auf marcha – auf lange, durchtanzte Nächte – hat überlebt, sondern auch der offenere Geist. Das Schwulenviertel Chueca ist der Stolz der Stadt, der Día del Orgullo Gay das größte Volksfest Madrids. Ein alltägliches Miteinander: In einer Seitenstraße der Calle del Pez wohnt Marta, eine verlebte Transsexuelle, die hin und wieder auf den Strich vorm Kino Luna geht – aber wenn sie vor ihrer Haustür den Bürgersteig kehrt, tratscht sie mit den Nachbarinnen wie alle anderen auch.

Besucher aus dem Rest Spaniens finden Madrid vor allem groß und laut. Die Größe ist eine Frage der Perspektive, der Lärm ist messbar. Der Autoverkehr ist lästiger als in anderen Städten, weil Madrid extrem dicht bebaut ist und die Straßen vor allem im Zentrum kleinstädtisch schmal sind. Das schlägt sich auch auf die Luftqualität nieder. Die Madrider lassen sich davon nicht schrecken. Sie trinken ihren Kaffee auf den Bürgersteigen der Gran Vía und schlagen sich die Nächte inmitten des Verkehrs der Castellana um die Ohren. Das Phänomen der abends und sonntags ausgestorbenen Fußgängerzonen kennt die spanische Hauptstadt nicht: Abgesehen davon, dass es an Fußgängerzonen mangelt, lieben die Madrider das Leben auf der Straße, zu jeder Zeit.

Madrid ist übrigens die am höchsten gelegene Hauptstadt Europas (wenn man von San Marino und Andorra absieht), eine Tafel am Sitz der Regionalregierung an der Puerta del Sol zeigt die Meter über Normalnull an: 650,7. Doch ansonsten sehen die Madrider keinen Grund, ihre Stadt für etwas Besonderes zu halten. Sie hat ja noch nicht einmal ein richtiges Wahrzeichen – und sie ist trotz ihrer langen Geschichte eine junge Stadt: Mitte des 9. Jhs. von Arabern gegründet, erlangte sie erst im 16. Jh. politische Bedeutung und wuchs erst im späten 20. Jh. zur Weltstadt heran. Ihre beste Zeit erlebt sie gerade jetzt, als wohlhabende Hauptstadt eines Landes, das sich endlich dem Rest Europas geöffnet hat. Und als liebenswürdiges Städtchen, in dem auch der geschäftige Ramón nicht verloren geht.

Foto © iStockphoto / stockstudioX

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1 Kommentar

  1. Andreas

    Kann ich nur bestätigen, eine tolle Stadt mit sehr viel lustigen und aufgeschlossenen Menschen. Nächstes Jahr geht es wieder hin…:-)