Korsika: Unvergleichlich schön!

Wenn Eingeweihte von Korsika sprechen, benutzen sie Begriffe wie „stolz“ und „prächtig“, „großzügig“ und „urwüchsig“, „vermeintlich unnahbar“ und „von rauer Schönheit“. Dabei ist die Rede sowohl von der korsischen Landschaft als auch von der korsischen Seele. Die meisten Insulaner sind mit ihrer Heimaterde fest verwachsen, und auch Sie werden nicht lange brauchen, um Korsika zu lieben: feinsandige Buchten, glasklare Gebirgsbäche, imposante Felsen, kühne Gipfel, quirlige Bummelgassen, köstliche Schlemmereien, architektonische Kleinode, herzliche, freigiebige Menschen und dazu reichlich Sonnenschein.

Sie ist wirklich unvergleichlich schön, diese Insel, die schon bei den Griechen in der Antike den Namen kalliste, die Schönste, trug. Von Nord nach Süd nur 183 km lang, keine 90 km breit, gleicht sie doch eher einem kleinen Kontinent als einer bloßen Insel. 1000 km stark gegliederte Küste umfassen ein Gebirgsmassiv, in dem kaum 30 km vom Meer 70 Gipfel über 2000 m hoch aufragen. Bis in den Juni hinein liegt hier oben Schnee, während das Meer schon mit 20 Grad warmem Wasser zum Baden lockt.

Die wasserreichen Flüsse, die aus dem Hochgebirge in die Ebenen schießen, haben schroffe Täler und tiefe Schluchten gegraben, im Unterlauf stellenweise breites Schwemmland aufgeschüttet. An ihren Mündungen breiten sich die herrlichsten Strände aus: mal grobsandig, den Winden ausgesetzt, mit gefährlicher Meeresströmung, mal mit feinem weißem Sand in perfekt sichelförmigen Buchten, das seichte Wasser glitzernd klar. Dünen, Schirmpinien und Lagunen, jäh aufragende Felsen, genuesische Festungen – die unmittelbare Umgebung der Strände ist ebenso faszinierend wie der Blick von hier auf die Bergkulisse des Inlands.

Die regionale Zweiteilung der Insel in die Départements Haute-Corse und Corse-du-Sud entspricht der geologischen Gliederung in das Schiefermassiv des Nordostens mit dem Grenzfluss Tavignano und das Granitmassiv der südlichen Hälfte. Nur im Osten erstreckt sich eine breite Ebene hinter den endlos langen Stränden, sonst steigt das Gelände überall bald steil an. Macchiaüberwucherte Hänge bestimmen das Landschaftsbild bis in eine Höhe von etwa 500 m. Rosmarin, Mastixsträucher, Zistrosen und Myrten strömen im warmen Sonnenschein betörende Düfte aus. Hier blüht es im Frühling zuerst. Im Mai, Juni bedeckt der Blütenflor dann auch die schattigen Anhöhen unter den Edelkastanien, die bis etwa 800 m lichte Wälder bilden. Etwas höher bedecken Steineichen, mächtige Schwarzkiefern und windzerzauste Buchen die felsigen Hänge. Im Frühsommer sind die alpinen Wiesen ein Paradies für Blumenfreunde; unwiderstehlich schön auch die in Fels gebetteten, leuchtend blauen Gebirgsseen, die tosenden Wasserfälle und die klaren, tiefen Felspools am Rand der Flüsse.

In der tief zerfurchten Landschaft liegen die Dörfer häufig versteckt in Talkesseln. Andere thronen wie Trutzburgen hoch auf Bergkämmen oder schmiegen sich an steile Hänge. Die etwa 280000 Ew. von Korsika leben heute überwiegend an der Küste, 120000 allein in und um die beiden größten Städte Ajaccio und Bastia. In den Niederungen werden Wein, Obst, Futtermittel und Getreide angebaut. Der Fremdenverkehr hat zahllose Küstendörfer in blühende Badeorte verwandelt. Nur noch den Festungen rings um die Insel und den Dörfern im Inland sieht man an, dass Korsika jahrtausendelang von Fremdherrschaft gezeichnet war. Schon die Griechen gründeten im heutigen Aléria eine Kolonie. In den Zeiten, als Rom, Pisa und Genua das Sagen auf der Insel hatten, verlangten die Besatzer hohe Abgaben von den Korsen, ohne ihnen dafür sicheren Schutz zu bieten. Waren sie selbst in Konflikte verwickelt, verloren sie die Insel aus den Augen. Dann fielen die Sarazenen und Barbaresken ein, berüchtigte Seeräuber aus dem Maghreb, raubten die Insel aus und verschleppten ganze Dorfbevölkerungen in die Sklaverei. Verständlich also, dass sich die Korsen ins Hinterland zurückzogen.

Das traditionelle korsische Dorf liegt geschützt im Oberland, gedrängt stehen die Häuser um eine Kirche. Friedhöfe und Familiengrüfte liegen außerhalb, zahlreich und groß. Der Eindruck ist typisch mediterran, doch kärger, strenger, zuweilen düster. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man zum Schutz die Wohnräume in den oberen Geschossen einrichtete und unten oft fensterlose Lager oder Ställe hatte, mit einer großen Tür, die sich gut verrammeln ließ. Besonders im Süden, wo sich die Clanherrschaft länger hielt und Blutrache die Familien entzweite, sind die Häuser auffallend hoch und schmal.

Das Korsika, wie es die Franzosen 1769 erobert haben, muss man sich wohl recht traurig vorstellen. In den Bergen ein verarmtes Hirtenvolk neben wenigen wohlhabenden Großbauern. Dazu ein verbreitetes Banditenwesen. Im 19. Jh. setzte die Landflucht ein. Zigtausende brachen auf, um auf dem Festland, in den Kolonien oder in Amerika ihr Glück zu suchen. Wie die großen Kriegerdenkmäler allerorts bekunden, forderten der Erste und Zweite Weltkrieg große Opfer. 1943 ist Korsika das erste befreite französische Département.

Korsika ist die am dünnsten besiedelte der großen Mittelmeerinseln. In den Dörfern des Landesinnern wohnen überwiegend alte Leute, vielfach Rentner, die nach einem Arbeitsleben in der Fremde in die Heimat zurückgekehrt sind. Doch in immer mehr Dörfern sorgen Initiativen für die Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft und den Ausbau eines sanften Tourismus. Da man dabei um die Erhaltung korsischer Lebensformen bemüht ist, wird das Binnenland von Jahr zu Jahr schöner. Das neue Selbstbewusstsein findet seinen Ausdruck im Stolz auf die traditionelle Musik, die eigenen Handwerksprodukte und selbst erzeugten Lebensmittel, auf alles Korsische. Für ein autonomes Korsika sind nur zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, die Politik der Förderung regionaler Eigenständigkeit aber findet allgemeine Zustimmung.

An den Küsten ist die Insel hervorragend auf die Bedürfnisse von Touristen eingerichtet. Für Aktivurlauber sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Allerdings drohen die Orte, an denen diese internationalisierte Urlaubskultur dominiert, ihren ursprünglichen korsischen Charakter einzubüßen, obwohl bisher Hotelhochbauten und anonyme Feriendörfer zu den Ausnahmen zählen. Mit Sicherheit haben die Attentate der korsischen Nationalisten der FLNC hier bremsende Wirkung gehabt.

Die Straßeninfrastruktur ist in den letzten Jahren erheblich besser geworden, nur noch wenige Passstraßen warten auf Erneuerung. Trotzdem gibt es noch fast so viele Kurven wie ehedem, und so wird auch weiterhin Ihr Reisetempo gemächlich sein: Ideal, um mit Land und Leuten in Kontakt zu kommen! Wer eine Rundfahrt um die Insel machen will, sollte dafür mindestens eine Woche einplanen – nur Rallyefahrer haken Korsika schneller ab. Aber auch nach einer Woche werden Sie erst einen kleinen Eindruck von der paradiesischen Landschaft bekommen haben. Die einzige Lösung ist: Kommen Sie im nächsten Urlaub wieder!

Foto (c) iStockphoto / dulezidar

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