Köln: Die Domstadt am Rhein

Die britischen Fußballreporter, die zur Fußball-WM 2006 kamen, waren sich einig: Am besten und ausgelassensten feiert man in Köln. Die Domstadt ist jedoch mehr als nur eine Partymetropole. Sie ist Universitäts- und Medienstadt, Wirtschaftszentrum mit einer der größten Messen und vor allem eine Stadt mit Geschichte und Kultur an jeder Ecke: römische Gemäuer, mittelalterliche Kirchen, Museen, Galerien, Musicals, Kabarett, Comedyfestivals und Rockmusik von BAP bis Brings. Eine Stadt, in der die Küchen aus aller Welt zu Haus sind – und lokale Spezialitäten wie „Himmel un Ääd“ oder das obergärige Kölsch-Bier.

Die Hohenzollernbrücke ist so gebaut, dass Sie bei der Ankunft das Gefühl haben, der Zug fahre genau auf den Dom zu. Aus dem Abteilfenster blicken Sie auf die Schokoladenseite: auf den Rhein mit der weißen Flotte der Ausflugsdampfer, die Brücken, die schmalbrüstigen Häuser der Altstadt, den mächtigen romanischen Bau von Groß St. Martin.

Auf jeden Fall: die Insignien einer Großstadt. Ob Köln aber auch eine Millionenstadt ist, hängt von der Zählweise ab. Im Statistischen Landesamt Düsseldorf kommt man zu einem anderen Ergebnis als im Kölner Amt für Statistik. Die Kölner rechnen nämlich auch die Studierenden mit, die nur mit Zweitwohnsitz gemeldet sind. Dann sind es tatsächlich 1014000 Einwohner. Für die Kölner Lokalpresse liegt diese Zahl sogar deutlich über einer Million. Eine Sichtweise, die typisch kölsch ist: Wenn der 1. FC Köln ein Spiel gewinnt, singen die Fans voller Freude „Et hätt noch immer jot jejange“ (Es ist noch immer gut gegangen), und der Trainer wird heilig gesprochen. Bei einer Niederlage tröstet man sich damit, dass der Club ja zuletzt erst 1978 deutscher Meister war. Im Zeitgefühl einer Stadt mit Relikten und Reliquien aus 2000 Jahren ist das noch nicht so lange her.

Rheinischen Optimismus verbreitet auch der Wirtschaftsdezernent: Bis zum Jahr 2030 müsse sich Köln keine Sorgen wegen einer Überalterung machen. Denn vor allem die Ansiedlung von Firmen der Medien- und Kommunikationsbranche führte zu einer Zuwanderung junger Westdeutscher unter 30 Jahren. Zehn Fernseh- und Rundfunksender sind es immerhin, die ihren Sitz in Köln haben. Die Stadt ist eine führende Medienmetropole mit 15000 Mitarbeitern in 800 Firmen. Mehr als 40 internationale Messen finden jährlich in Köln-Deutz statt. Mit acht Hochschulen ist die Metropole zudem ein Zentrum für Bildung, Forschung und Wissenschaft. Die Forschungsstätten sind Schwerpunkte für die Schlüsseltechnologien des 21. Jhs.: Multimedia, Kommunikations- und Softwaretechnologie, Medizin, Biotechnologie, Solar- und Umweltforschung.

Auch der Karneval ist ein Wirtschaftsfaktor, der u. a. Mützensticker und Musiker, Kostümschneider und Kellner ernährt. Rund 100 Karnevalsgesellschaften veranstalten zwischen Neujahr und Aschermittwoch etwa 500 Bälle und Sitzungen. An den tollen Tagen zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag haben Sie nur zwei Möglichkeiten: Sie meiden die Stadt, oder Sie feiern mit! Nur müssen Sie wissen, wo und wie, denn die vielen Fernsehübertragungen haben in den letzten Jahren einer fragwürdigen Kommerzialisierung des Karnevals Vorschub geleistet. In den typischen Touristenfallen werden Sie Opfer gastronomischen Nepps, und plumpe Altherrenwitze und Rumtatata-Gedröhne als Kulisse für ein Massenbesäufnis sind gewiss nicht jedermanns Sache. Das hat mit urkölschem Brauchtum allerdings auch nichts (mehr) zu tun. Bei den kleineren Gesellschaften können Sie aber immer noch einen wirklich schönen und urtümlichen Volkskarneval erleben.

Auch wenn heute nur ein Drittel der Einwohner gebürtige Kölner sind: Die mediterrane Leben-und-leben-lassen-Atmosphäre beeinflusst auch die Zugereisten. In Brauhäusern und Biergärten können Sie feststellen: Rheinländer sind zwar unkompliziert und kontaktfreudig, beschränken diese Kontakte aber auf Flüchtiges. Große Namen und sozialer Status machen in dieser Bürgerstadt keinen Eindruck. Promis sind einfach nur „Lück wie ich un du“ (Lück = Leute). Auch sonst ist das Verhältnis der Kölner zur Obrigkeit und zu anderen Autoritäten eher unbefangen. Treffen sie auf Mitmenschen mit Neigung zu gespreiztem Gehabe, demonstrieren sie gern ihre Vorliebe für Erdverbundenes und Schnörkelloses: „Mach nit esu en Jedöns!“ Das Einzige, was die Kölner sich an metaphysischer Anwandlung leisten, ist die Überzeugung „Et kütt wie et kütt“ (Es kommt wie es kommt). Sie lässt sie die Widrigkeiten des Lebens mit stoischem Gleichmut ertragen.

Und so lebten auch schon die Urkölner nach der Devise „Seid nett zueinander“. Das waren die Ubier, die der römische Statthalter 38 v. Chr. am linken Rheinufer ansiedelte. Als handfeste Pragmatiker zogen sie es vor, mit den Römern Handel zu treiben statt Kriege zu führen. Eine Geisteshaltung, die sich durchsetzte: Egal, wer in den folgenden 2000 Jahren die Stadt regierte, die Bürger wussten immer hinter dem Rücken der weltlichen wie der geistlichen Obrigkeit ihre eigenen Interessen zu wahren. Aus diesem Gemauschel entstand seit dem Mittelalter der sprichwörtliche „kölsche Klüngel“. Das Wort bedeutet Knäuel – für den Außenstehenden ist der Klüngel etwas undurchsichtig Verwobenes. Dessen moderne Ausdrucksform brachte Konrad Adenauer in seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister (1917 bis 1933 und 1945) auf die Formel: „Man kennt sich, man hilft sich“.

Die wunderschönen romanischen Kirchen sind Zeugnisse des einstmals „hillige Kölle“, aber die selbstbewussten, freisinnigen Bürger verstanden es durchaus, ihre Frömmigkeit mit den vitalen Interessen des Diesseits zu verbinden. 1288 verbannten sie den Erzbischof, der auch Kurfürst war, aus ihren Mauern – Köln war nun de facto freie Reichsstadt. Später fielen die Bewohner nicht mehr durch allzu großen umstürzlerischen Elan auf. Im Kölnischen Stadtmuseum sehen Sie ein Bild mit einer Szene der Revolution von 1848: Die Kölner Revolutionäre hatten ihre Barrikade mit Bedacht direkt neben einer Weinkneipe errichtet. Der Legende nach soll Stunden später ein preußischer Schutzmann das Lokal betreten und den Zechern zugerufen haben: „Ihr könnt die Barrikade wieder abbauen; die Revolution ist vorbei!“

In dieser Zeit tauchten im Hänneschen-Theater auch erstmals die Figuren Tünnes und Schäl auf. Sie veranschaulichen die beiden Seiten des kölschen Wesens: Tünnes verkörpert den pfiffig-bäuerlichen Einschlag; er ist ein Trieb- und Sinnenmensch. Schäl ist der Kulturbürger. Köln war allerdings nie eine feudale Residenzstadt mit breiten Boulevards, sondern immer eine Stadt der Kaufleute und Handwerker mit verwinkelten Straßen und Gassen. Fast 2000 Jahre lang orientierten sich die Kölner kulturell am linken Rheinufer, an den Fundamenten der römischen und mittelalterlichen Stadt. Die rechte Uferseite galt als „Schäl Sick“, als schielende Seite. Der Name leitet sich von den Pferden ab, die einst die Lastkähne am Ufer stromaufwärts zogen. Zur Flussseite hin legte man ihnen Scheuklappen an, was bei den Tieren auf Dauer zu Schielen führte.

Für die Römer lebten auf der Schäl Sick die Barbaren, und auch im 20. Jh. beurteilte man das rechte Rheinufer nicht schmeichelhafter. Als Oberbürgermeister Konrad Adenauer in den 20er-Jahren auch preußischer Landtagsabgeordneter war und einmal im Monat mit dem Zug nach Berlin fuhr, pflegte er angeblich schon auf der Rheinbrücke seine Mitreisenden zu belehren: „In Köln-Deutz fängt der Bolschewismus an.“ Erst in unseren Tagen erfahren die rechtsrheinischen Vororte Deutz und Kalk eine urbane Aufwertung, durch die Mehrzweckhalle Kölnarena, das Technische Rathaus, den Neubau des Polizeipräsidiums und durch den ICE-Bahnhof Köln-Deutz. Dann wird nur noch der Name der Schäl-Sick-Bar im Hyatt Regency an frühere Zeiten erinnern. Von der Terrasse dieses Hotels aus haben Sie übrigens eine sagenhafte Aussicht aufs Rheinpanorama. Kaum ein Postkartenfotograf versäumt es, an dieser Stelle sein Stativ aufzubauen: Dom, Museum Ludwig, Rheingarten und Stapelhaus sind eben typisch kölsch.

Foto (c) iStockphoto / SebastianHamm

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