Istanbul: Die Stadt zwischen den Kontinenten

Jahrhundertealte Paläste spiegeln sich in gläsernen Bürotürmen – das ist die Silhouette İstanbuls. Man sieht Minarette und Kirchentürme, traditionelle Folklore mischt sich mit den Klängen der Jazzgruppen, und am Ufer des Bosporus treffen sich Schleier und Minirock wie nirgendwo sonst. Die Stadt ist ein Kleinod für Kenner traditioneller Kunst und archäologischer Fundstücke, genauso zieht sie aber auch die Liebhaber der schrillen Szene in Freiluftdiskos und Hip-Hop-Kneipen an. İstanbul ist die östlichste Stadt Europas und die westlichste Metropole des Orients. Lassen Sie sich auf ihren Zauber ein!

Es ist ein einmaliges Schauspiel: am frühen Abend, auf einer Dachterrasse über dem Bosporus, langsam die Sonne im Goldenen Horn versinken zu sehen. Wenn das Wasser, wie der Name behauptet, einen goldenen Schimmer bekommt, die Silhouetten der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und des alten Sultanpalastes in der Dämmerung verschwimmen und sich aus dem Marmarameer ein Ozeandampfer in den Bosporus schiebt. Jede berühmte Stadt zeichnet sich durch eine unverwechselbare Erinnerung aus: In İstanbul ist es der Sonnenuntergang vor einer einmaligen geografischen und historischen Kulisse.

Die alte, zwar etwas heruntergekommene, aber immer noch wunderschöne Dame İstanbul müssen Sie mit einem liebenden Auge betrachten, um ihr Chaos ertragen zu können. Zugegeben, man verliert leicht den Überblick – zum einen wegen der schieren Größe, zum anderen, weil İstanbul planlos der Laune seiner inzwischen auf 12 Mio. angewachsenen Bewohner überlassen wurde. Die Verwirrung wird auf den ersten Blick durch die geografische Lage noch verstärkt. Wenn Sie auf einen der sieben Hügel, auf denen die Stadt erbaut wurde, hochgeklettert sind und zwischen den Häusern das Wasser aufblitzen sehen, fragen Sie sich zunächst ratlos: Schaue ich nun auf das Marmarameer, das Goldene Horn oder den Bosporus? Dabei wird İstanbul gerade durch das Meer geordnet. Es trennt die Stadt in einen europäischen und einen asiatischen Teil. Am Goldenen Horn auf der europäischen Seite haben rund 700 Jahre v. Chr. Späher der griechischen Seemacht Megara an diesem für die Kontrolle der Schifffahrt strategisch so günstigen Ort die Siedlung Byzanz gegründet, deren Nachfahrin sich heute entlang des Bosporus schlängelt und ihre Fühler bis an die Ufer des Schwarzen Meeres ausstreckt.

Deniz, das Meer, prägt İstanbul in jeder Hinsicht: Seine manchmal mehrmals täglich wechselnden Winde kennen am besten die Fischer. Mit den Strömungen ziehen abwechselnd die Seebarsch- oder die Sardinenschwärme durch die Meerenge. İstanbuler lieben den poyraz aus dem Nordosten und hassen den lodos aus dem Süden – bei poyraz wird es zwar etwas kühl, aber die Luft wird so rein, dass jedes Detail am gegenüberliegenden Ufer sichtbar wird. Bei lodos hingegen strömen schlagartig Wärme, Regen, Nebel und Smog herbei.

İstanbul ist eine Meisterin darin, nicht nur Physisches, sondern auch Geistiges immer wieder miteinander zu verbinden und zu versöhnen. Hier erleben Sie eine weltweit einmalige Synthese aus Orient und Okzident. Moderne Shopping Malls neben jahrhundertealten Basaren, Hochhäuser zwischen altosmanischen Holzhäusern, Minirock neben Schleier – nirgendwo wird der Westen im Osten so sichtbar wie hier. Bereits auf der halbstündigen Fahrt von Europa nach Asien bekommen Sie einen Eindruck von der Vielfalt und atemberaubenden Mischung, die İstanbul zu bieten hat. Es genügt, den Kopf ein wenig zu wenden, um vom jahrhundertealten Sultanssitz, dem Topkapı-Palast, mit der darüber thronenden Hagia Sophia und einem ganzen Wald von Minaretten als eindrucksvoller orientalischer Kulisse nur wenige Kilometer entfernt die Bürotürme von Levent in den Blick zu bekommen.

Die 1973 zum 50. Jahrestag der türkischen Republik gebaute erste Hängebrücke über den Bosporus ist ein weiteres Wahrzeichen der Moderne – wenige Kilometer entfernt der hübsche Leanderturm im Meer, der angeblich gebaut wurde, um die Lieblingstochter eines Sultans vor einer bösen Prophezeiung zu retten. Weit größer als İstanbuls architektonische Vielfalt ist jedoch der bunte Mix ihrer Bewohner. Über Jahrhunderte ist die Nase zwischen Bosporus und Marmarameer immer wieder von neuen Gruppen erobert und geprägt worden. Griechen und Römer, Perser und Kreuzritter, Tataren und Türken haben ihre Spuren hinterlassen. Aus allen Teilen des ehemaligen Osmanischen Reiches leben heute Nachkommen früherer Untertanen in İstanbul. Seit byzantinischen Zeiten gibt es Niederlassungen der Venezianer und Genuesen. Die Nachfahren der 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden versuchen mit Mühe, ihre alte Kultur beizubehalten.

Vier von fünf Einwohner İstanbuls sind erst in den letzten 30 Jahren aus Anatolien in die Stadt gekommen. Noch Mitte der 1960er-Jahre lebten hier nur 2,5 Mio. Menschen, und der größte Teil des heute dicht bebauten asiatischen Ufers bestand aus Sommerhäusern im Grünen oder war Wald und Weideland. Auch auf der europäischen Seite wucherte die Stadt vom Meer weg nach Norden mit Stadtvierteln, die mehr an anatolische Dörfer erinnern als an eine moderne Stadt. Mittlerweile ist der Zuzug abgeflaut, die Infrastruktur dem Zustrom angepasst worden. Die Stadtregierung will durch ambitionierte Projekte das Verkehrschaos beenden: Ein Bahntunnel unter dem Bosporus ist im Bau und wird das asiatische Üsküdar mit Yenikapı unterhalb des Topkapi-Palastes verbinden. Eine Stadtbahn auf der asiatischen Seite bis nach Kartal, und verschiedene neue Zufahrtsstraßen runden das Projekt ab. Schon die Seilbahn (Finiculère) von Kabataş nach Taksim erleichtert seit 2006 den İstanbuler Verkehr.

Nichts hat İstanbul in seiner Geschichte so beängstigt wie große Brände und Erdbeben. Das Beben von 1999 ließ die Stadt buchstäblich erzittern und erinnerte sie daran, dass sie auch mit diesen Launen der Mutter Erde zurechtkommen muss. Seitdem laufen Projekte, um die Stadt auf ein neues Beben vorzubereiten. Aber die zum Teil sehr schlechte Bausubstanz lässt sich nicht ersetzen.

İstanbul besteht heute aus drei Zentren. Sultanahmet, wo die Hagia Sophia thront und die Blaue Moschee ihre sechs Minarette in den Himmel reckt, ist das historische Herzstück. Wie in jeder viel besuchten Weltstadt wird dieses Gebiet, einschließlich des Topkapı-Palastes und des Großen Basars, mehr und mehr zur touristischen Zone, aus der sich die Einheimischen zurückziehen. Dabei war die Gegend unterhalb von Sultanahmet bis in die 1990er-Jahre noch das Zeitungs- und Verlagszentrum İstanbuls und damit gleichzeitig die geistige Mitte der Türkei. Das geschäftliche und europäische Zentrum erstreckt sich heute zwischen Tünel-Platz und Levent, dem Teil der Stadt, der durch eine U-Bahn erschlossen ist. Die besten Wohngegenden sind schließlich die Bagdad-Allee auf der asiatischen Seite, die sich von Bostancı bis Kadıköy kilometerlang oberhalb des Marmarameeres hinzieht, und natürlich der Bosporus.

Obwohl fast 3000 Jahre alt, ist İstanbul eine erstaunlich junge Stadt: 60 Prozent der Einwohner sind unter 30. Deshalb gibt es zehn große Universitäten, die Straßen sind voller junger Leute, die alle ihr Glück machen und ihren Altersgenossen in New York, Berlin oder Paris nicht nachstehen wollen. Und İstanbul ist schnelllebig. Ständig werden neue Geschäfte oder Cafés eröffnet, um dann manchmal schon nach wenigen Monaten wieder zu schließen. Die Wirtschaftskrise von 2001 hat am schlimmsten hier gewütet. Den Boomjahren folgte eine beispiellose Pleitewelle. Wen wundert es da noch, dass die Straßen zu jeder Tageszeit mit Bummlern voll sind?

Doch auch das wird sicherlich nur eine Fußnote in der langen Geschichte der Metropole am Bosporus bleiben. Von Byzanz über Konstantinopel bis İstanbul hat diese Stadt mehr Auf und Ab erlebt als die meisten anderen. Und dass der Republikgründer Kemal Atatürk nicht sie, sondern Ankara zu seiner Auserwählten machte, hat die Grande Dame sehr souverän gemeistert. Nach der ersten Lähmung während der 1920er- und 1930er-Jahre, als die junge Republik all ihre Ressourcen in die neue Hauptstadt steckte und İstanbul langsam in einen geschichtlichen Dämmerschlaf zu versinken drohte, ist die Vitalität der natürlichen Metropole wieder erwacht. Heute besitzt Ankara zwar das Etikett, aber İstanbul die meisten Attribute einer Hauptstadt. Hier sitzen das Geld, die Intelligenz, die Kunst und die Medien – in Ankara nur das betuliche und langweilige Pärchen Bürokratie und Diplomatie. Längst gilt wieder der etwas hochmütige, aber doch von den meisten ehrlich gemeinte Spruch: Das Schönste an Ankara ist der abendliche Rückflug nach İstanbul.

Foto (c) iStockphoto / Nikada

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