Island: Ein Land voller Gegensätze

Tosende Geysire, riesige Gletscher, faszinierende Lavawüsten, schwarze Strände, steile Klippen, atemberaubende Wasserfälle. In der einzigartigen Natur Islands erlebt man nicht nur Abenteuer wie Rafting oder Gletschertouren, sondern kann auch in warmen Bädern entspannen und träumen. Die Insel im Norden ist ein Eldorado für jeden Naturliebhaber, überraschend in ihrer Vielfalt und Schönheit. Im Sommer webt die Mitternachtssonne ihren Zauber, im Winter entfalten die Polarlichter ihre Magie. In Reykjavík, der lebendigen Mini-Metropole, trifft sich die angesagte Kunstszene: ein In-Ort für Kultur und Shopping.

Island ist ein Land voller Gegensätze, Überraschungen und Geheimnisse. In dieser archaischen Vulkanlandschaft fühlt man sich in die Urzeit der Erdentstehung versetzt. Gefährlich dünn ist an manchen Stellen die Erdkruste, und die brodelnden, dampfenden Löcher gewähren den Blick ins Innere unseres glühenden Planeten. Doch was für die Menschen im Mittelalter nur bedrohlich und fremd war, was sie sich als Teufelswerk und Eingang zur Hölle erklärten, das wissen die Isländer des 21. Jhs. trefflich zu nutzen. Die Lava dient als Baumaterial, die Erdenergie wird in Strom umgewandelt, und das heiße Wasser wärmt Häuser und Schwimmbäder. Die Isländer haben perfekt gelernt, auf dem Vulkan zu tanzen.

Der Reichtum des Landes ist seine Natur, Lebensgrundlage für die Menschen, die hier leben. Neben der Energie sind es vor allem die Fischgründe innerhalb der hart erkämpften 200-Meilen-Zone, die die wirtschaftliche Basis darstellen, und die entsprechend sorgfältig befischt werden.

Vor allem ist es die Vielfalt der Landschaften, die jährlich Tausende Touristen anzieht. Im Süden finden Sie ausgedehnte Weiden mit breiten, schwarzen Stränden, an denen sich die weiße Gischt der Wellen bricht, und daneben riesige Gletscher, deren schwarz versandete Zungen fast bis ans Meer reichen. Im Osten ragen die steilen Basaltplateaus empor, in die sich tiefe Fjorde und enge Gebirgstäler gegraben haben. Im Norden sehen Sie breite Täler und den längsten Fjord des Landes, den Eyjafjörður. Der Nordwesten ist eine fjorddurchzogene Küstenlandschaft, aus der sich die Menschen zurückgezogen haben. Noch heute kommt es dort während der harten Winter häufig zu Lawinen, die im günstigsten Fall nur die Straße versperren. Das Hochland ist eine weite Lava- und Geröllwüste, eine lebensabweisende und unbelebte Mondlandschaft mit einsam aufragenden Bergen und Gebirgen. Dazu kommen Hunderte von Wasserfällen: versteckt, donnernd, mächtig und schön, manche mit Geschichten und andere so klein, dass Sie vielleicht der Erste sind, der sie entdeckt. All das ist vereint auf einer Insel, deren nächste Nachbarn Grönland (300 km nordwestlich) und die Färöer-Inseln (500 km südöstlich) sind.

Die Isländer lieben ihre Insel mit der fantastischen Natur, die sie genauso geprägt hat wie ihre Herkunft und Geschichte. Noch immer fühlen sie sich als echte Nachfahren der Wikinger, die von Norwegen kamen, um hier unabhängig und frei vom damaligen König zu siedeln. Die ersten Versuche scheiterten, zu unwirtlich und eisig erschien dem Norweger Flóki 865 das Land, dem er den Namen Island (Eisland) gab; er landete damals im Nordwesten und blieb nur einen Winter. Doch schon zehn Jahre später wurde die Insel dauerhaft besiedelt. Über 300 Jahre währte diese „goldene Zeit“, wie die Isländer sie heute noch nennen, in der das Land eine kulturelle Blüte erlebte. Viele Ereignisse der Besiedlungszeit haben Eingang in die Sagas gefunden, Islands nationales Kulturgut. Mit Stolz verweisen viele Isländer darauf, dass sie die mittelalterlichen Texte noch im Original lesen können.

Nach 1262 begannen finsterere Zeiten. Zunächst gehörte Island zu Norwegen, danach kam es unter die dänische Krone. Der freie Handel wurde eingeschränkt, die staatliche sowie die rechtliche Selbstbestimmung verschwanden, und etliche Naturkatastrophen verwüsteten das Land und vernichteten Mensch und Vieh. Hungersnöte, Epidemien und tiefste Armut, wie sie der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness in seinem Roman „Islandglocke“ schildert, waren die Folgen. Das kulturelle Leben kam zum Stillstand. Diese Zeiten prägten noch lange das Verhältnis der Isländer zu den Dänen, die sie als Kolonialmacht erlebten. Doch in einem fast 100 Jahre dauernden Kampf um Unabhängigkeit gelang es ihnen, diese – endlich – 1944 zu erlangen.

Während die anderen europäischen Länder unter dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen litten, profitierte Island in mehrfacher Hinsicht von ihm. Vor allem die amerikanische Besatzung ermöglichte einen rapiden Aufbau der Infrastruktur des Landes in den 1940er-Jahren. Die Ringstraße und der internationale Flughafen wurden gebaut, und Reykjavík wuchs, denn für diese Projekte brauchte man Arbeitskräfte. Zudem hatte über die Jahrzehnte bereits eine Verschiebung von der Landwirtschaft zur Fischindustrie stattgefunden, was das Wachstum der Orte beförderte. Problematisch wurde das Verhältnis zwischen Amerikanern und Isländern, als die amerikanischen Truppen 1946 Keflavík als Stützpunkt erhielten. Die Furcht vor einer neuen Kolonialzeit war damals groß, aber zugleich ermöglichten die Amerikaner den Sprung in die Neuzeit mit Musik, Autos und dem passenden Lebensgefühl. Einige Isländer meinen, ihr Volk sei so vom Mittelalter in die Neuzeit katapultiert worden.

Island ist ein modernes Land, und schon manche Reisende waren enttäuscht, dass die Menschen nicht mehr in kleinen Grassodenhäusern leben, sondern in mehrstöckigen Betonhäusern – in erdbebenfester Bauweise. Die Architekten verwenden heute häufig isländische Materialien, wie es besonders gut an der „Blauen Lagune“ zu sehen ist, einem Lavagebäude in der Lava.

Typisch für isländische Künstler ist die tiefe Verwurzelung in ihrem Land und seiner Natur. So nutzen auch Designer gerne die heimischen Materialien, alle Arten Gestein, aber auch Walknochen, Fischhaut oder Treibholz, das besonders zahlreich an die Küsten im Norden angetrieben wird. Für einige Designer ist – nicht überraschend – das Thema Licht ganz zentral: Im Sommer gibt es drei helle Monate, in denen kaum jemand zu schlafen scheint und viele bis Mitternacht draußen arbeiten. Während der langen Winternächte kann man das faszinierende Schauspiel der tanzenden, schwingenden Nordlichter erleben – magisch, mythisch und verzaubernd. In der Musik spielen oft Naturgeräusche eine Rolle. Der erste große isländische Komponist des 20. Jhs., Jón Leifs, komponierte so eindrückliche Werke wie „Geysir“ und „Hekla“.

Die bildende Kunst ist ganz stark von Islands Natur und Geschichte beeinflusst, wie Sie gut in Reykjavíks Museen sehen können. Die junge und lebendige Kulturszene hat sich international etabliert; beeindruckt ist man von den vielen Multitalenten des Landes. So reüssiert der eine nicht nur als Autor, sondern auch als Maler, ein anderer gehörte zu den Gründern der Band „Sugarcubes“ und schreibt heute Kinderopern. Doch letztlich ist es die überwältigende Natur, deren Zauber schon viele Reisende so sehr in den Bann gezogen hat, dass sie immer wieder kommen.

Foto © iStockphoto / davider

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