Der Gardasee überrascht!

Eben ist man noch durch die Alpen gefahren, sah Tannen und Kühe, und nun streift eine leichte Brise durch Palmen. Das mediterrane Klima lädt vor allem im Frühjahr ein, wenn nördlich der Alpen laue Temperaturen nur ein Wunschtraum sind. Dann kann man hier schon an der Mole sitzen, die Beine baumeln lassen mit einem Eis in der Hand, auf dem Surfbrett den See erkunden, unter Olivenbäumen knackige Salate essen, durch römische Ausgrabungen spazieren oder mit dem Mountainbike rasant bergab sausen. Oder auch einfach nur in einem Straßencafé dem Glitzern des Wassers zusehen.

Es gibt wohl nicht viele Seen, die so viele unterschiedliche Gesichter und damit für so viele verschiedene Ansprüche das passende Urlaubsangebot haben. Wer Ruhe sucht und bei der Lektüre der Zeitung oder eines Buches nicht viel mehr hören möchte als das klack, klack von Segelbespannungen im Wind und dazu ein tiefes dong, dong beim Aneinanderstoßen von Booten, der ist in Gargnano gut aufgehoben: In der Mitte des Westufers wohnt die Ruhe. Noble Hotels haben an diesem Uferabschnitt Tradition. Ende des 19. Jhs. erkannte der Deutsche Louis Wimmer den Reiz des Gardasees und baute das erste Grandhotel in Gardone, weitere folgten. Ein etwas altväterischer, gediegener Tourismus ist bis heute dort zu Hause.

Dagegen fühlt sich in Bardolino und Garda wohl, wer abends lange unter Menschen sein möchte. In den Gassen der Altstädte ist es dann fast voller als tagsüber, und bis Mitternacht sieht man sogar noch kleine, blonde Kinder mit einer Eistüte in der Hand. Junge Erwachsene werden das Südufer anlaufen, wenn sie auf richtiges Nightlife stehen. In der Umgebung von Desenzano locken einige der größten Diskotheken Italiens.

Wer es im Urlaub sportlich liebt, wird in den Norden fahren; das dortige Ufer scheint manchmal ein einziger großer Abenteuerspielplatz zu sein. In den steilen Tälern und wilden Bächen des Trentino haben das Kajak fahren sowie Schwimmen, Surfen, Segeln Tradition. Nun ist noch das Rafting hinzugekommen. Wem all das nicht reicht, versucht es vielleicht gar mit Canyoning. In Neoprenanzüge verpackt und mit Helm und Schwimmweste versehen, stürzen sich Abenteuersportler in Schluchten hinab – unter professioneller Leitung, hoffentlich. Sogar das Tauchen hat Saison am See: Mit Glück – oder einem Führer – stößt man auf versunkene Galeeren aus der Zeit der venezianischen Herrschaft.

Mountainbiker und Wanderer durchkämmen die Berghänge; wo sie nicht mehr weiterkommen, hängen Sportkletterer an senkrechten Wänden, zum Teil sogar direkt über dem See. An Sommerwochenenden veranstalten die Fremdenverkehrsämter der Olivenriviera Ausflüge und geführte Touren auf den Monte Baldo. Es gibt botanische Ausflüge, Touren zu kirchlichen Festen und Vollmondwanderungen. Und auf dem See ficht die Armada der Surfer ihre Kämpfe gegen den oder mit dem Wind, vom Ufer aus lässt sich das nicht immer so einfach unterscheiden. Die steilen Berge wirken wie eine Düse, durch die die Winde regelmäßig pusten.

Dass der Gardasee so viele Möglichkeiten zu körperlicher Betätigung bietet, hat noch einen weiteren Vorteil: Man kann abends riesige Mengen von Pasta vertilgen, schließlich hat man einige Kalorien abgearbeitet. Das ist ein Glück, denn am Gardasee essen Sie vorzüglich (wenn Sie allzu touristische Lokale, oft direkt am Hafen gelegen, meiden) – sei es ein aufwendiges Menü in einem der Feinschmeckerlokale in Salò oder schlicht eine Gardaseeforelle vom Grill. Auch wenn die Touristenscharen am Gardasee nicht weniger werden, die Küche wird besser. Mag sein, dass sich wieder mehr Köche und Köchinnen auf ihre Wurzeln, also die Gerichte der mamma, besinnen. Sicher ist aber auch, dass die Nachfrage das Angebot verändert hat. Immer mehr deutschsprachige Urlauber verlangen eine genuine Küche, alte Gardaseerezepte und frische Zutaten.

Ähnliches gilt für den Wein: Kauften Urlauber vor 20 Jahren noch große, billige Korbflaschen, wird nun nach Qualität gefragt. So erfreut sich die Strada del Vino im Hinterland von Bardolino großer Beliebtheit.

Auch am anderen Ufer, von Gargnano in Richtung Norden, ist noch zu sehen, wie am Gardasee Geld verdient wurde, bevor die Touristen kamen: In limonaie wurden Zitronen gehegt. Meistens reichten die kargen Einkünfte aus Landwirtschaft oder Fischerei nicht aus, die Familie zu ernähren. Im 19. Jh. wanderten viele Bewohner der Gardaseeorte aus, versuchten ihr Glück in Amerika. Vor Beginn des Tourismus war das Gardaseegebiet ein armer Landstrich, das Leben war einfach und hart. In den Kastanien- und Pinienwäldern oberhalb von Gargnano gingen die Männer der archaischen Arbeit des Köhlens nach, die Frauen arbeiteten vom frühen Morgen bis in die Nacht auf handtuchschmalen Feldern.

Künstler zog es schon immer an den Gardasee, vor allem Schriftsteller. Um die Wende zum 20. Jh. zog das k.u.k. Städtchen Riva manche Geistesgröße an; Friedrich Nietzsche und Thomas Mann zählten zu den Gästen, Franz Kafka war 1917 in Riva.

Vielleicht hielten schon die früheren illustren Gäste nach Kunstschätzen Ausschau – wie auch heutige Besucher. Die romanischen Kirchen Bardolinos, San Zeno und San Severo, sind wahre Kleinode; Sant’Andrea in Maderno steht ihnen in nichts nach. Weitere Kunstwerke findet man bei Kurzausflügen, sei es bei einem Besuch Trentos mit dem reizenden Domplatz oder auf einer Tour zur römischen Arena von Verona. Reste und Ruinen römischer Besiedlung finden sich auch am Gardasee zuhauf. Am bekanntesten sind die Grotten des Catull in Sirmione.

Doch man muss gar nicht speziell Kunstwerke und Sehenswürdigkeiten ansteuern, um die Atmosphäre der Gardaseeorte zu genießen. Erstaunlich gut erhalten sind die Ortskerne, Sie schlendern in den Altstadtgassen durch traditionsreiche Baustruktur.

Das Leben am See ist heute praktisch durchweg vom Tourismus bestimmt. Denn nicht nur die direkt vom Urlauberstrom Betroffenen wie Hoteliers und Restaurantbesitzer verdienen an den Fremden, sondern natürlich auch der Obstverkäufer mit seinem Marktstand, der Handwerker, der Ferienwohnungen umbaut, der Gardaseefischer, der Trattorien beliefert, der Almbauer, der seinen Käse anbietet, und sogar der einsame Trüffelsucher.

Doch trotz der starken Konzentration auf den Tourismus müssen Sie nicht befürchten, als Urlauber abgezockt zu werden. Sehr freundlich bekommt man in den Tourismusbüros die Fragen nach Busfahrplänen, Bademöglichkeiten und Bikecentern beantwortet; in manchen Hotels wird man begrüßt, als käme man schon seit Jahren in dieses Haus, und abends im Restaurant kann es durchaus sein, dass die Bedienung ein italienisches Liedchen trällert. Der Gardasee liebt seine Besucher – und umgekehrt.

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