Dresden: Es liegt ein Zauber über dieser Stadt

Dresden ist eine Klasse für sich. Die 800 Jahre alte Hauptstadt des Freistaates Sachsen gehört zu den beliebtesten Reisezielen in Deutschland. Semperoper, Sixtinische Madonna oder die Schätze des Grünen Gewölbes locken Besucher aus aller Welt an die Elbe. Die Aufnahme des Dresdner Elbtals in die Unesco-Welterbeliste und die wieder aufgebaute Frauenkirche sorgen für einen wahren Dresden-Boom. Neben all der Hochkultur überrascht die Stadt mit einer lebendigen Club- und Kneipenszene sowie einem Hang zu ausgelassenen Festen. Die heitere Lebensart, ein fast schon mediterranes Flair und die reizvolle Umgebung prägen ihren Charakter. Und die Dresdner selbst – zumeist glühende Lokalpatrioten – sind aufgeschlossene, weltoffene Gastgeber.

Es liegt ein Zauber über dieser Stadt. Wenn die Morgensonne das Wasser der Elbe glitzern und die berühmte Altstadtsilhouette aufleuchten lässt, geraten sogar die Dresdner selbst immer wieder ins Schwärmen. Und heute mehr denn je, da die mächtige Kuppel der Frauenkirche das Stadtbild wieder komplettiert.

Zu deren Füßen herrscht babylonisches Sprachengewirr: Englisch, Japanisch, Bayerisch – die historische Altstadt ist fest in Touristenhand. Mehr als 10 Mio. Besucher zählt Dresden jedes Jahr, Tendenz steigend. Die meisten sind auf der Suche nach einem Mythos, nach der barocken Stadt Canalettos, nach dem „deutschen Florenz“, wie Johann Gottfried Herder die sächsische Residenz einst nannte. Dresden beeindruckt mit Baudenkmälern, mit Kunst und Kultur. Doch es ist die Elbe, die das Lebensgefühl bestimmt. In weiten Bögen windet sie sich durch die Stadt, vorbei an Weinbergen, herrschaftlichen Schlössern und lauschigen Biergärten, gesäumt von breiten Wiesen, wie man sie in keiner anderen europäischen Großstadt findet. 2004 nahm die Unesco das Dresdner Elbtal deshalb auch in die Welterbeliste auf.

Die Dresdner lieben ihre Elbe, in guten wie in schlechten Zeiten. Eine Fahrt mit einem Schaufelraddampfer oder eine Tour auf dem Elberadweg sind besondere Erlebnisse. An den Flussufern trifft man sich zu Picknick und Lagerfeuer, zu Elbhangfest und Open-Air-Kino. Nicht zuletzt dienten die Elbwiesen beim Rekordhochwasser im August 2002 als natürlicher Überflutungsraum und bewahrten die Stadt vor noch Schlimmerem.

Die größte Katastrophe seiner Geschichte erlebte Dresden, als britische und amerikanische Bomber in der Nacht des 13. Februar 1945 ihre todbringende Last über der Stadt ausklinkten. In einem gewaltigen Feuersturm wurde nahezu die gesamte Innenstadt ausgelöscht, 35000 Menschen starben. Doch die Dresdner gaben ihre Stadt nicht auf. Bereits im August 1945 begann der Wiederaufbau des Zwingers. Aus den Trümmern wuchs in den folgenden Jahrzehnten eine neue, wenn auch gezeichnete Stadt. 1989 wagten Dresdner Bürger noch einmal einen Neuanfang, als sie am 8. Oktober den DDR-weit ersten Dialog mit der Staatsmacht ertrotzten, der schließlich das Ende eines ganzen Systems einläutete.

Nach der politischen Wende erlebte ein weiteres Dresdner Wahrzeichen seine Wiedergeburt – die Frauenkirche. Ihre Ruine war als Mahnmal gegen den Krieg zum Symbol der Friedensbewegung geworden, weshalb längst nicht alle Dresdner den Wiederaufbau begrüßten. Während der mehrjährigen Bauzeit entwickelte sich die Frauenkirche jedoch nicht nur zum Sinnbild ostdeutschen Aufbauwillens und Dresdner Bürgerstolzes, sondern durch das Zusammenwirken von Menschen aus der ganzen Welt zu einem eindrucksvollen Zeichen der Versöhnung. Im Oktober 2005 erfolgte die feierliche Weihe des wiedererstandenen Gotteshauses.

1748 schuf der venezianische Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, mit seinem Panoramabild „Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke“ eine der berühmtesten Dresden-Ansichten überhaupt. In natura gibt es den Canalettoblick vom Glockenspielpavillon zwischen dem Japanischen Palais und dem Hotel Bellevue, in Öl auf Leinwand in der Gemäldegalerie Alte Meister. Die meisten Schätze der zahlreichen Dresdner Museen überstanden die Kriegswirren durch Auslagerung und kehrten nach der Beschlagnahme durch die Rote Armee ab Mitte der 1950er-Jahre an die Elbe zurück.

Dass die elf Museen der Staatlichen Kunstsammmlungen Dresden heute zu den bedeutendsten der Welt zählen, ist zuallererst dem Kunstsinn und der Repräsentationssucht der einstigen sächsischen Herrscher zu verdanken. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen und als August II. zudem König von Polen, besser bekannt als „August der Starke“. Man sagt ihm nach, dass er mit den Händen Hufeisen verbiegen konnte und auch sonst ganz gut bei Kräften war. Neben seinem einzigen legitimen Sohn und Nachfolger soll er zahlreiche weitere Kinder gezeugt haben – die Zahlen schwanken zwischen neun und 365. Der Kurfürst galt als ausschweifend und machtbesessen, aber er machte aus Dresden eine Residenz von europäischem Format, begründete ihren Ruf als Kunst- und Kulturstadt. Die musikalische Tradition Dresdens hat ihre Ursprünge allerdings lange vor Augusts Zeit. Der Kreuzchor existiert bereits seit dem 13. Jh., die Staatskapelle seit 1548. In der Dresdner Operngeschichte finden sich Namen wie Carl Maria von Weber, Richard Wagner und Richard Strauss.

Die allermeisten Touristen erleben ein Dresden zwischen „Sixtinischer Madonna“ und „Rosenkavalier“. Wer sich über das Kulturquartier zwischen Zwinger, Semperoper und Frauenkirche hinauswagt, ist nicht selten erstaunt über das „andere“ Dresden, seine Vielfalt und Lebendigkeit. In der rechtselbischen Inneren Neustadt trifft man auf barocke Bürgerhäuser und charmante Einkaufspassagen.

Ein Stück weiter beginnt jenseits der Bautzner Straße die Äußere Neustadt. In dem von Kriegszerstörungen verschonten Gründerzeitviertel war schon zu DDR-Zeiten eine aufmüpfige Alternativkultur gewachsen, bis heute ist der Stadtteil beliebte Wohnadresse von Studenten, Künstlern und Lebenskünstlern. Unablässig entstehen neue Läden, Kneipen und Cafés. Galerien präsentieren zeitgenössische Kunst, Hostels beherbergen junge Gäste aus aller Welt, Clubs und Bars sind bis in den frühen Morgen geöffnet. Außerdem wird hier seit 1990 jeden Sommer für drei turbulente Tage die „Bunte Republik Neustadt“ ausgerufen.

Auch wer es beschaulich-romantisch liebt, kommt in Dresden auf seine Kosten. Der Große Garten lädt zum Spazieren oder zu einer Bootstour auf dem Carolasee ein. In der Blasewitzer Goetheallee und auf dem Weißen Hirsch kann man mondäne Villen bestaunen, vom Luisenhof bei Kaffee und Kuchen die Aussicht genießen. Der Weg zum Schloss Pillnitz am Stadtrand führt vorbei an alten Dorfkernen und üppigen Gärten. Entlang der Elbe offerieren Restaurants und Biergärten regionale Spezialitäten: Sauerbraten, Quarkkeulchen, Radeberger Pilsner und sächsischen Wein. Den Ausblick auf den Fluss und die vorbeiziehenden Dampfer gibt’s gratis dazu. Und dann ist da noch das Umland. Mit der Sächsischen Schweiz liegt eine aufregende Landschaft vor der Haustür. Im Umkreis von weniger als einer Autostunde findet man einzigartige Schlösser und Burgen, und auch die Sächsische Weinstraße führt durch das Dresdner Elbtal.

Bei aller sächsischer Gemütlichkeit ist Dresden aber auch eine Stadt, in der Zukunftsvisionen und Erfindungsreichtum Tradition haben: Kaffeefilter und Büstenhalter, das europäische Porzellan, die erste deutsche Dampflokomotive und die Spiegelreflexkamera sind made in Dresden. Heute ist die „Stadt der Wissenschaft 2006“ einer der bedeutendsten Mikro- elektronik- und Biotech-Standorte Deutschlands. Die Arbeitslosenquote liegt in Dresden weit unter der vergleichbarer ostdeutscher Großstädte. Und die Einwohnerzahl von derzeit rund 500000 wird – anders als in den meisten Kommunen im Osten der Republik – künftig eher ansteigen.

Auch fast zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung ist die 800 Jahre alte sächsische Landeshauptstadt eine Stadt der Baustellen. Dass es moderne Architektur hier nicht immer leicht hat, liegt an der Liebe der Einheimischen zu den Resten des alten Dresdens wie an den schlechten Erfahrungen der letzten 60 Jahre: Dem sozialistischen Plattenbau-Einerlei folgte nach der Wende manch gesichtsloser Neubau. Dresden lebt von und mit seinen Gegensätzen. Wer sich Zeit nimmt für diese Stadt, sich auf ihren Rhythmus einlässt, versteht, warum die Dresdner derart glühende Lokalpatrioten sind. Offenheit und Neugier vorausgesetzt, kommt man – egal ob in der Straßenbahn oder beim Wein – schnell ins Gespräch. Und neben unbezahlbaren Experten-Tipps gibt’s dann bisweilen ganze Lebensgeschichten als Zugabe.

Foto (c) iStockphoto / TommL

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