Bayerischer Wald: Die Dreiländerregion

Der Bayerische Wald ist seit der Grenzöffnung Ende 2007 so spannend, dass selbst die Waidler, die Einheimischen, wieder als Entdecker unterwegs sind. Streifen Sie in dieser Dreiländerregion durch schweigsame Wälder, erleben Sie Geschichte in sorgsam gehegten Heimathäusern, Dorfkirchen, Glasmanufakturen und eindrucksvollen Museumsdörfern, lassen Sie sich verwöhnen in Wellnesstempeln mit und ohne Kurheilbad-Drumherum. Kaum ein Outdoorsport, der sich hier nicht treiben ließe. Und statt der ehemaligen Schlagbäume schränken heute einzig Naturschutzgebote grenzenlose Ausflüge ein.

Im größten Waldgebiet Europas mit den Nationalparks Bayerischer Wald (243 km²) und Šumava (690 km²) warten Natur- und Kulturschätze darauf, entdeckt zu werden. Dazu zählen die unergründlich tiefen, stillen Wälder, die wilden Schluchten und Bachläufe, die schlichten Sommerweiden, die hier Schachten heißen, und die geheimnisvollen Hochmoore.

Die 200 Mio. Jahre alten Gipfel sind heute ein behutsam erschlossenes Wanderparadies. Zwischen Further Senke und Dreisessel ragt der Große Arber (1456 m) als ihr König über alle 132 Kuppen, die höher als 1000 m sind. Kein anderer Berg hier beheimatet so viele alpine Pflanzenarten wie er, und auch seine Tierwelt ist exklusiv.

Einfach war das Leben nie in diesem rauen, erst im Mittelalter von Benediktinern zivilisierten und missionierten Landstrich. Mit der Jahreswende 2007/08 ist einmal mehr alles anders. Seit die letzten Schlagbäume entlang der 356 km langen Grenzezur Tschechischen Republik fielen, beobachten Politiker und Naturschützer gespannt, wie die grenzenlose Freiheit ihrer Dreiländerregion bekommen wird. Die älteren Waidler, die noch den ungeteilten Böhmerwald kannten, träumten so lange schwelgerisch von früher, vom einfach praktischen Miteinander der Nationalitäten, der Menschen beiderseits des lange trennenden Eisernen Vorhangs.

In der Mitte des Bayerischen Waldes wirkten einst die Mönche aus Niederaltaich und Metten. Den Oberen Wald hatte das Regensburger Kloster St. Emmeram übernommen, den Unteren das Fürstbistum Passau, den es fast 800 Jahre lang beherrschte. Die rebellischen Passauer akzeptierten diese Regentschaft erst 1443 durch einen Schiedsspruch. Burgen entlang der mäandernden Ilz schützten die Grenzen des Hochstifts und seine Handelswege. Diese so genannten Goldenen Steige nach Bergreichenstein, Winterberg und Prachatitz waren bis in die frühe Neuzeit die einzigen Zivilisationsspuren im Hinteren Wald. Auch die Wittelsbacher im 13. Jh. vermochten ihn nicht zu erschließen.

Etwa um diese Zeit ließen sich die ersten Glasmacher nieder, fanden Quarz und Holz für Pottasche und Brennöfen im Überfluss. Ein unterirdischer See bei Rabenstein erinnert an solch einen Quarzbruch. Waren die Bäume um ihre Glashütte verbraucht, zogen die Handwerker weiter. Pferdefuhrwerke brachten die grünen Butzenscheiben und Trinkgefäße nach Passau, Wien, Warschau und bis an den Zarenhof von St. Petersburg. In das grenznahe Gebiet um den Dreisessel und den Haidel arbeiteten die Siedler sich erst Anfang des 19. Jhs. vor. Nur gut 40 Jahre ist es her, dass die Bewohner von Leopoldsreut vor den strengen, schneereichen Wintern kapitulierten und ihre Höfe verließen. Der Graineter Kessel in der Haidelregion (mit Ortenburg bei Passau) ist das Revier von Fernseh-Waidmann Stefan Leitner als Nachfolger Martin Rombachs und seinem telegenen Forsthaus Falkenau. Das Umland von Breitenberg im Südosten heißt zwar Neue Welt. Doch das liegt nicht an später Besiedlung. Vielmehr war das Gebiet lange an die österreichische Herrschaft Rannariedl verpfändet, kam erst spät ans Abteiland zurück.

Harmonisch eingebunden in die vielgesichtige Landschaft ist das Kontrastprogramm zum Naturerlebnis: Kirchen, Kulturtempel und Kunsthandwerk, Kurse von Bauernbrot backen bis Volkstanz füllen mühelos eine eigene Entdeckungsreise. Kopflastigkeit verhindern flächendeckend Wellness- und Sportangebote sowie Abstecher in das bodenständige Wirtshaus neben der Kirche, einen Biergarten oder ein Restaurant mit regionaler Küche. Gut 17 Mio. Gäste jährlich können nicht irren – der Woid bleibt das ganze Jahr eine Reise wert: Der Frühling bietet in den Hochlagen noch Schnee, wenn in den Tälern schon die Obstbäume blühen. Wer auch nur ein Mal nach einem Hitzegewitter von einer Anhöhe auf den von der satt orangefarbenen Abendsonne ausgeleuchteten Fleckerlteppich kraftstrotzender Wälder und frisch gewaschener Dörfer blickt, wird den Sommer im Bayerischen Wald nie vergessen. Der farbenprächtige, intensive Herbst kann noch viele milde Tage bringen. Man braucht sich nur zu gedulden, bis die schon recht morgenmuffelige Sonne den Dunst aus den Tälern und Donauniederungen weggefrühstückt hat. Im Winter ist Einmummeln angesagt, der „Böhmische“, ein eiskalter Ostwind, führt das Regiment. Jetzt glänzt die Region auch wegen der weißen Glitzerpracht ihrer tief verschneiten Wälder und Felder: Modernste Pisten- und Loipengebiete mit Ausrüstungsverleih ermöglichen Wintersportvergnügen satt.

Von harter und bewegter Vergangenheit über Generationen geprägt, gibt es unter den Hiesigen naturgemäß Skeptiker. Die fürchten nun grenzenlose Kriminalität und den Ausverkauf ihrer Heimat. Doch das bleibt wohl Unkerei. Beidem hat die Polizei mit ihrer in Grenznähe lange vorbereiteten Umstrukturierung vorgebaut. Unvermindert halten auch die jeder Globalisierung zuwiderlaufenden Proteste der Bayern gegen den Atommeiler Temelin 100 km jenseits der Grenze an. Und freilich blieb auch der malerische Woid nicht von Umweltproblemen verschont – der Lusengipfel irritiert seit Sturm „Kyrill“ wieder deutlicher durch eine von Borkenkäfer und saurem Regen gezeichnete Baumskelett-Bergwelt. Obwohl die Naturverjüngung unübersehbar ist, halten Nationalparkgegner weiter große Teile des Hochlagenwalds für an den Borkenkäfer verschwendet. Sie wettern mit dem Schlagwort „Waldvernichtung“ gegen den Leitsatz, Natur Natur sein zu lassen. Diese Einstellung sorgt aber auch im Tal für Zoff – wo es um den Donauausbau geht. Wasserautobahn oder Biotop sind hier die Gegenpole.

Zwar mauserte der Untere Bayerische Wald sich mit starken Dienstleistern zur Aufsteigerregion. Doch bringt die Grenzöffnung der mittelständischen Wirtschaft nicht nur Segen. Neue Strategien meint der Tourismusverband Ostbayern seit 2008 mit der Dachmarke „Der Bayerische Wald – Erfrischend natürlich“ gefunden zu haben. Recht unabhängig davon und lange vor Vogelgrippe und BSE haben die Landwirte sich auf Qualität und Direktvermarkten besonnen – mit köstlichen Folgen auch für die Urlauber.

Vergessen Sie also besser alles, was Sie von irgendwem über das einstige Armenhaus Bayerns und seine vermeintlichen Hinterwäldler gehört haben. Und lassen Sie sich ein auf eine spannende Provinz, die dieser Bezeichnung eine ganz neue und kostbare Bedeutung gibt.

Foto Eldorado Bayerischer Wald © Bayerischer Wald

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