Barcelona: Eine Stadt höchst reizvoller Kontraste

Barcelona fasziniert durch seine mediterrane Lebensart, die in unzähligen Bars, Cafés und Lokalen lebendig ist. Die Stadt am Meer, umgeben von Bergen, strahlt südländisches Flair aus, ist zugleich hypermodern und tief verwurzelt in Tradition und Geschichte. Barcelona zieht Kunst- und Kulturinteressierte an: mit einem außergewöhnlich gut erhaltenen gotischen Viertel, der einzigartigen Pracht des katalanischen Jugendstils und preisgekrönten postmodernen Bauten. Dazu das milde Mittelmeerklima – und die exquisite katalanische Küche, die längst als eine der besten und innovativsten Europas gilt.

Wer mit dem Flugzeug anreist, kann Barcelona bereits im Landeanflug kennenlernen. Vorne liegt das Mittelmeer, an den Seiten begrenzen sanfte Bergketten die Metropole. Markante Hochhäuser und ultramoderne Turmbauten heben sich ab aus dem Gassengewirr des gotischen Stadtkerns. Gleich daneben liegt das schachbrettartige Straßenraster des Jugendstilviertels.

Unverkennbar: Barcelona (1,5 Mio. Einwohner) ist ein Ort höchst reizvoller Kontraste. Die bedeutende Designmetropole hat die nach Neapel größte Altstadt Europas, in der Sie sich stundenlang verlieren können. Die meisten Wohnungen sind indes eher übersichtlich bis winzig – und wahnwitzig teuer: Der Boden zwischen Bergen und Meer wird immer knapper, während sich die Stadt zur mediterranen Trendmetropole mausert – nach dem Motto „immer neuer, immer größer, immer schöner“. Gleichzeitig fühlen sich selbst zeitgeistbewusste Trendsetter der katalanischen Tradition und Geschichte tief verbunden. Überhaupt verstehen es die Katalanen wie kaum ein anderes Volk, Widersprüche zu integrieren. Nehmen Sie die katalanische Bourgeoisie, die in Barcelona eines der prächtigsten Jugendstilviertel der Welt erbaut hat. Verschwenderisch verzierte Gebäude, sinnliche Gesamtkunstwerke – aber hinter den Fassaden herrschte stets ein eher nüchterner Kaufmannsgeist. Das soll nicht heißen, dass die Katalanen nicht kreativ sind. Ganz im Gegenteil, an innovativer Energie hat es der Mittelmeermetropole nie gefehlt. Die Stadt ist ständig in Bewegung, erfindet sich unablässig neu. Dabei braucht man immer irgendein Großereignis, um Wegweisendes oder längst Fälliges zu vollbringen. Das war schon so mit der Weltausstellung von 1888, die die Stadt aus ihrem Dornröschenschlaf rüttelte und den Aufbruch einläutete in eine neue Zeit im Zeichen des aufblühenden Jugendstils. Für die Show richtete man das Terrain um den Ciutadella-Park her. 1929 wurde die Stadt im Zuge der zweiten Weltausstellung wieder total umgekrempelt – diesmal wurde der Montjuïc erschlossen.

Die Rundumerneuerung anlässlich der Olympischen Spiele von 1992 machte Barcelona schließlich nicht nur zum Mekka für Touristen aus aller Welt, sondern auch zum Eldorado für Architekten und Stadtplaner, die Barcelona als gelungenes Beispiel urbaner Erneuerung feierten. Die Olympiade entfachte die Euphorie, die in der katalanischen Hauptstadt nötig ist, um die Ärmel hochzukrempeln. In diesem Fall: um die deprimierenden Hinterlassenschaften von 40 Jahren Diktatur zu beseitigen.

Barcelona setzte an zum Sprung in die (Post-)Moderne und machte sich schön. Vor allem öffnete sich die Stadt zum Meer. Wo bis dahin abgewrackte Industrieschuppen die Sicht versperrten, erwartet Sie heute ein kilometerlanger Sandstrand. Auch die vielen kleinen Parks und Plätze, Bänke oder Skulpturen sind ein Erbe des olympischen Erneuerungsrausches.

Um in Form zu bleiben, erfand man bald das nächste Mega-Event: das Forum der Weltkulturen 2004, ein mehrmonatiges Kulturfestival an der Flussmündung des Besós, in einem bis dato vernachlässigten, sozial konfliktreichen Außenbezirk im Norden direkt am Mittelmeerstrand. Seine urbane Erschließung stand sowieso an: das Glied, das in der Sanierungskette fehlte. Nach dem Olympischen Dorf und dem nördlich gelegenen Viertel Poble Nou, einer gigantischen Industrieruine, die gerade zum Bezirk 22@ umgemodelt wird, zum exklusiven Hightechviertel Barcelonas, baute man um die Mündung des Besós und die verlängerte Hauptverkehrsader Diagonal herum eines der teuersten Quartiere der Stadt, die Diagonal Mar. Zwar hat das Megafestival im Ausland niemand so recht wahrgenommen, und die Zuschauer strömten auch nicht wie erwartet. Aber am Mittelmeerstrand prangt seither ein mit diversen Architekturpreisen ausgezeichnetes, knallblaues Riesendreieck, entworfen von den Schweizer Stargestaltern Herzog & de Meuron: das Forumsgebäude, eines der größten Kongress- und Ausstellungszentren Europas.

Wenn es um das Image Barcelonas geht, lässt man sich eben nicht lumpen. Der in allen Farbtönen changierende Riesenphallus etwa, der Wolkenkratzer Torre Agbar, der schon beim Anflug auf die Stadt ins Auge fällt, ist ein Entwurf des Kultarchitekten Jean Nouvel für die Wasserwerke Barcelonas – als jüngstes Wahrzeichen des unbeirrbaren Repräsentationswillens der Metropole.

Klagen kommen indes von Umweltexperten: Sie kritisieren, dass die Stadterneuerer sich oft stärker an Ästhetik orientieren als an bioklimatischen Kriterien – trotz gegenteiliger Behauptungen der Politiker. Apropos klagen: Das gehört gewissermaßen zur Lebensart der Katalanen. Besonders gern beschweren sie sich über die Zentralmacht in Madrid. Aus gutem Grund. Katalonien, einst eine mittelalterliche Weltmacht, musste sich seit dem 16. Jh. immer wieder gängeln lassen von der zentralspanischen Vormacht. Der Niedergang begann, als sich die Kronen Kastiliens und Aragons vereinigten durch die Heirat der „katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella. Damit war die katalanisch-aragonesische Allianz jäh beendet, Katalonien musste sich der zentralen Macht beugen. Zuletzt unter der Diktatur General Francos: Der generalísimo wollte mit der rebellischen Bastion im Norden aufräumen – und jedes nur erdenkliche Zeichen ihrer Identität zunichtemachen, angefangen mit der Sprache, die verboten wurde.

Zwar endete die Franco-Diktatur 1975, ihre Folgen beschäftigen die Katalanen indes noch immer. Protektion und Förderung sollen die katalanische Sprache in der Comunidad Autónoma Katalonien (etwa vergleichbar einem Bundesland) wieder auf Platz eins bringen. Zwar können inzwischen rund 75 Prozent der Bevölkerung Katalanisch, aber gut die Hälfte der Einheimischen zieht im Alltag die spanische Sprache vor. Dennoch wurde die perfekte Beherrschung von català zur wichtigsten Einstellungsvoraussetzung erhoben.

In Barcelona versteht man sich nach wie vor als Opfer zentralistischer Ungerechtigkeit. Dazu kommt, dass Kastilien zwar stets politisch mächtiger war, Katalonien dagegen wirtschaftlich potenter. Barcelonas Besitz- und Bildungsbürgertum setzte deshalb auf Kunst und Architektur. Das erklärt vielleicht auch die besonders verschwenderische Dekorlust des modernisme, des katalanischen Jugendstils: Alles sollte noch prächtiger sein, noch größer und schöner als im ungeliebten Madrid. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Nur gestaltet man statt modernistischen Drachenköpfen inzwischen hypermodernes Design.

Dabei prallen Alt und Neu oft krass aufeinander. Im totalsanierten Altstadtviertel Raval etwa: Im unteren Teil, dem legendären Barri Xino, dem Hafen- und Rotlichtviertel Barcelonas, findet man noch sichtbare Spuren jener halbseidenen Welt der Huren, Gauner und Ganoven, die Jean Genet zu seinem „Tagebuch eines Diebes“ inspirierte. Ein paar Schritte weiter haben die hippe Kultur- und Kneipenmeile rund um das Museum für Zeitgenössische Kunst und der neue Prachtboulevard Rambla del Raval das Bild völlig verändert. Nicht nur zum Guten: Mit der überfälligen Modernisierung hielten auch Immobilienhaie, Spekulanten und die Schickeria Einzug ins angestammte Wohnquartier. Der Abrissbirne seien nicht nur die alten, unhygienischen Verhältnisse zum Opfer gefallen, sondern auch ein bedeutendes Kapitel kollektiver Geschichte, meinte der im Barri Xino aufgewachsene und zu Weltruhm gelangte Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán (1939–2003). Die schöne neue Stadt wirke mitunter wie „desinfiziert und pasteurisiert“, lautete einer seiner Lieblingssätze.

Aber glücklicherweise stimmt das nur zum Teil. Denn die Mittelmeermetropole gibt sich zwar hochgradig gestylt, und ihre Bewohner sind besonders sensibilisiert in Sachen Design – zu einer gleichförmig modernen Hochglanzcity wird Barcelona deshalb aber noch lange nicht. An vielen Ecken gibt es noch Läden und Kneipen, die das Designfieber unbeschadet überstanden haben. Und es gibt immer noch junge Kreative mit genügend subversiver Phantasie, um dasMarkenzeichen disseny barceloní gegen den Strich zu bürsten.

Erleben Sie also einen Ort spannender Kontraste, immer in Bewegung – und immer gut für eine Überraschung. Und grämen Sie sich nicht, wenn Sie nicht alles gesehen haben. Sagen Sie einfach: „Beim nächsten Mal!“. Denn wer aus dieser Stadt abreist, tut das meistens mit dem festen Vorsatz wiederzukommen.

Foto (c) iStockphoto / Nikada

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